23 Mrz 2021

Egal ob vor- oder nachgelagert, auf Lieferketten liegt im Sinne der nachhaltigen Entwicklung ein besonderer Augenmerk. Nun ist der Beschluss für ein deutsches Lieferkettengesetz politisch verkündet und soll Verbindlichkeit von unternehmerischen Sorgfaltspflichten bringen.

von Marie-Lucie Linde, freie Mitarbeiterin bei WeSustain und Beraterin für nachhaltige Unternehmensführung

Im Zeitalter der Globalisierung und dem darin verankerten Prinzip der “globalen Arbeitsteilung” ist unsere Wirtschaft von hohen internationalen Verflechtungen und Abhängigkeiten geprägt. Branchen sind durch ihre Produktions- und Beschaffungsstrukturen ebenso wie ihre neuen Absatzmärkte in die verschiedensten Richtungen der Erde vernetzt. 

So beziehen Lebensmittelhersteller Rohstoffe aus Afrika oder Südamerika und Textilhersteller lassen ihre Produkte in Asien fertigen. Wir schauen in diesem Themenspecial – anlässlich des Beschlusses für ein deutsches Lieferkettengesetz – einmal genauer hin und fragen uns, welche neuen unternehmerischen Sorgfaltspflichten mit dem Gesetz einhergehen und wie man diesen – u.a. mithilfe digitaler Prozesse – begegnen kann. 

Lieferketten und ihre Relevanz für Nachhaltigkeit

Moderne Lieferketten gehen mit einer zunehmend hohen sozialen und ökologischen Verantwortung einher. Dies ist nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik als Erkenntnis gereift. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales definiert den Begriff der “Lieferkette” und die daraus resultierende unternehmerische Verantwortung daher wie folgt: 

Die Lieferkette umfasst den gesamten Weg eines Produktes von der Gewinnung der Rohstoffe über die Herstellung und Verarbeitung bis zur Lieferung des Produktes an die Endkunden. In der globalisierten Welt sind häufig mehrere Unternehmen und Lieferanten an der Produktion beteiligt. Deshalb ist es wichtig, dass die gesamte Lieferkette in den Blick genommen und auf Menschenrechte, einschließlich der Arbeitsbedingungen und des Umweltschutzes geachtet wird.1

Und so liegen in der besonderen Betrachtung der Lieferkette für viele Unternehmen Risiken aber auch Chancen: 

Risiken

  • eine vorherrschende Intransparenz in den Lieferketten zu nachahltigkeitsrelevanten Aspekten
  • eine mangelnde Durchsetzungskraft und Kontrolle von Nachhaltigkeitsaspekten entlang der Lieferkette
  • ein potenziell wirtschaftlicher Schaden durch Verletzung von sozialen und ökologischen Mindeststandards (Bußgelder, Sanktionen, Sachschäden etc.)
  • Reputationsrisiken durch unzureichende Übernahme unternehmerischer Verantwortung (Beispiel: Kik im Zusammenhang mit dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza, Bangladesch2)

Chancen

  • ein proaktives Risiko- und Compliance-Management im Sinne sozialer und ökologischer Mindeststandards 
  • mehr Transparenz und Kontrolle über die eigene Lieferkette 
  • eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit durch eine nachhaltige Lieferkette 
  • eine Stärkung der eigenen Glaubwürdigkeit und des Vertrauens der Konsumenten (durch die geschaffene Transparenz)
  • das Image eines positiven “Corporate Citizens” durch Übernahme unternehmerischer Verantwortung entlang der Lieferkette 

Dieses skizzierte Spannungsfeld aus Chancen- und Risiken stellt Unternehmen in der Praxis vor nicht zu unterschätzende Herausforderungen und Aufgabenstellungen.

Neue unternehmerische Sorgfaltspflichten im Fokus

Um die unternehmerische Verantwortung im Rahmen nachhaltiger Lieferketten greifbarer zu machen, sind in den vergangenen Jahren sogenannte “unternehmerische Sorgfaltspflichten” in den folgenden Bereichen gemäß OECD-Leitfaden3 definiert worden:

  • Achtung der Menschenrechte (z.B. Verbot von Kinderarbeit, Schutz vor Sklaverei und Zwangsarbeit, sozialer Arbeitsschutz etc.)
  • Einhaltung von Umweltstandards, wenn sie zu Menschenrechtsverletzungen führen (z.B. vergiftetes Wasser)
  • Vermeidung von Korruption, Bestechung, Bestechungsgeldforderungen und Schmiergelderpressung 
  • Achtung von Verbraucherinteressen
  • Pflicht zur Offenlegung

In Deutschland wurden die Erwartungen an die unternehmerische Sorgfaltspflicht zur Achtung der Menschenrechte im “nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte” (kurz: NAP) beschrieben, mit dem Ziel, die Menschenrechtslage in den globalen Lieferketten zu verbessern. Die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht beinhaltet gemäß NAP4 die folgenden fünf Elemente bzw. Aufgaben:

  • Verantwortung erkennen
  • Risiken ermitteln
  • Risiken minimieren
  • Informieren und berichten
  • Beschwerde ermöglichen

Was sich in der Theorie so einfach anhört, stellt sich in der Praxis wesentlich anspruchsvoller dar: Eine repräsentative Untersuchung im Juli 2020 im Rahmen des Nationalen Aktionsplans hat gezeigt, dass lediglich zwischen 13 und 17 Prozent der befragten Unternehmen diese Anforderungen des NAP erfüllen.5 

Ein Meilenstein: Verbindlichkeit durch ein Lieferkettengesetz

Um eine höhere Verbindlichkeit der unternehmerischen Sorgfaltspflichten entlang der Lieferkette zu ermöglichen, wird seit ein paar Jahren um eine ganz besondere Lösung gerungen: ein Lieferkettengesetz. Unermüdliche Verhandlungen zwischen Wirtschafts- und Politikvertretern haben im Februar 2021 durch den Beschluss für ein solches Gesetz vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales ihr Ende gefunden. Und damit steht fest: Ein Lieferkettengesetz in Deutschland wird kommen.

Steckbrief zum deutschen Lieferkettengesetz (gemäß Beschluss des Bundestages):6

Name: “Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten zur Vermeidung von Menschenrechtsverletzungen in Lieferketten” (auch: “Sorgfaltspflichtengesetz”)

Ziel:

  • Schaffung von mehr Gerechtigkeit für Arbeitskräfte weltweit und Stärkung der Opfer von Menschenrechtsverletzungen und der Zivilgesellschaft
  • Schaffung von Rechtssicherheit für deutsche Unternehmen
  • Verbindliche Regelung unternehmerischer Sorgfaltspflichten entlang der Lieferkette

 

Inkrafttreten und Betroffene: 

Das Gesetz gilt ab 2023 für Unternehmen ab 3.000 Beschäftigten, ab 2024 auch für Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten. Das deutsche Lieferkettengesetz muss noch im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens beschlossen werden.

Pflichten:

  • Einführung und Umsetzung eines angemessenen und wirksamen Risikomanagements entlang der Lieferkette
  • Durchführung einer Risikoanalyse zur Identifikation besonders hoher menschenrechtlicher und umweltbezogener Risiken
  • Ergreifung von Präventions- und Abhilfemaßnahmen, um Verstößen vorzubeugen
  • Festlegung von Verantwortlichkeiten zur Einhaltung der Sorgfaltspflichten, z.B. ein/e Menschenrechtsbeuaftragte/r
  • Einrichtung eines Beschwerdeverfahrens zur Meldung möglicher Verletzungen bzw. Verstöße
  • jährliche Erstellung und Einreichung eines Berichtes zur Erfüllung der Sorgfaltspflichten 

Ähnlich wie bei der CSR-Berichtspflicht, die in 2017 in Kraft getreten ist, werden durch das deutsche Lieferkettengesetz lediglich Großunternehmen direkt betroffen sein und in die Pflicht genommen. Jedoch ist zu erwarten, dass auch bei diesem Gesetz die schätzungsweise 600 betroffenen Unternehmen in Deutschland7 die Einhaltung der Sorgfaltspflichten an ihre mittelständischen Zulieferer und Dienstleister in der vor- und nachgelagerten Lieferkette weitergeben werden. Und genauso wie schon damals bei der CSR-Berichtspflicht gibt es auch hier zwei Lager am Markt: die einen (z.B. “Initiative Lieferkettengesetz”), die den Gesetzesverstoß im Sinne der nachhaltige Entwicklung als einen zahnlosen Tiger bewerten und die anderen (z.B. Unternehmensverbände wie BDI), die es als eine unverhältnismäßige Zumutung für Unternehmen betrachten. Gleichzeitig haben sich 50 Unternehmen öffentlich in einem Statement8 für eine gesetzliche Regelung ausgesprochen.

Eins steht fest: Das deutsche Lieferkettengesetz wird neue Anforderungen an das Lieferketten-Management sowie die Schaffung von Transparenz und Kollaboration entlang der Lieferkette in die Unternehmen tragen. Die zentrale Herausforderung liegt darin, die erweiterten Sorgfaltspflichten in das bestehende Compliance-Management-System zu integrieren sowie entsprechende Risikoanalysen und Dokumentationen einzuführen. 

Digitale und kollaborative Managementsysteme als Teil der Lösung

Bei der Schaffung von Transparenz entlang eines so komplexen Gebildes wie der Lieferkette, wird man an einer umfassenden Digitalisierung von Prozessen nicht vorbei kommen. Es wird digitale Lösungen brauchen, die Unternehmen in der Praxis dabei unterstützen, ihre Lieferketten kontinuierlich und faktenbasiert zu monitoren. Dazu müssen Daten kollaborativ entlang der Lieferkette erhoben, ganzheitlich ausgewertet und in entsprechende Dokumentationen überführt werden.  

Bei WeSustain, dem Softwareanbieter für verantwortungsvolle Unternehmensführung, hat man diesen Bedarf im Kontext der Nachhaltigkeitsberichterstattung bereits vor 10 Jahren erkannt. “Wir beobachten, dass unternehmerische Nachhaltigkeit zu einer zentralen Managementaufgabe in Unternehmen avanciert ist, die es professionell zu planen, zu steuern und zu kommunizieren gilt. Vielen Unternehmen fehlt jedoch nach wie vor die Orientierung, wie Prozesse effizient und professionell integriert werden können, weg von Excel-Tabellen hin zu smarten und kollaborativen Prozesslösungen. Das gilt auch für das Lieferketten-Management”, betont Markus Bowe, Produktmanager bei WeSustain. Und so bietet WeSustain auf Basis der Enterprise Sustainability Management (ESM) Lösung seinen Kunden bewährte digitale und kollaborative Prozessstrukturen, mit denen sie Transparenz zu nachhaltigkeitsrelevanten Aspekten schaffen. Ein Beispiel für eine solche von WeSustain entwickelte Lösung ist die digitale Plattform “GS1 Ecotraxxfür GS1 Germanyeiner privatwirtschaftlichen Organisation für moderne Kommunikations- und Prozessstandards. Sie dient dem effizienten Austausch von Nachhaltigkeitsinformationen zwischen Herstellern, Lieferanten und Händlern. 

 

Ausblick

Zum aktuellen Stand herrscht ein Flickenteppich an nationalen und branchenspezifischen Standards und Gesetzen zur Regelung der unternehmerischen Sorgfaltspflichten entlang der Lieferkette vor. Dabei gehen Länder in der EU wie die Niederlande oder Frankreich mit ihren bereits verabschiedeten gesetzlichen Regelungen voran, auch wenn diese in der Kritik stehen, nicht weitreichend genug zu sein. Auch die EU-Kommission plant, noch in diesem Jahr ein EU-Gesetz, das Unternehmen haftbar macht, wenn sie Menschenrechte, Umweltstandards und gute Regierungsführung verletzen oder dazu beitragen.9

Am Ende liegt der Schlüssel für eine vollumfängliche Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Lieferketten in der Digitalisierung und Big Data. Es braucht innovative und digitale Tools, die Unternehmen bei dieser neuen Management-Herausforderung unterstützen. Dabei wird für das Lieferketten-Management die Blockchain-Technologie hoch gehandelt. Denn sie könnte es künftig möglich machen, dass Daten entlang der Lieferkette verlässlich erhoben sowie belastbar verifiziert und verschlüsselt abgesichert werden.10

Fußnoten zum Themenspecial: „Nachhaltige Lieferketten auf dem Vormarsch“:

1 Vgl. BMAS: LINK,
2 Vgl. “Kik-Textilien in eingestürztem Fabrikgebäude”:LINK, vom 2.5.2013.
3 Vgl. OECD: “OECD-Leitfaden für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln”, S. 10.
4 Vgl. BMAS:  LINK, abgerufen am 14.3.2021.
5 Vgl. Referentenentwurf des BMAS “Gesetz über die unternehmerische Sorgfaltspflichten in Lieferketten” vom 15.2.2021
6 Vgl. CSR in Deutschland: LINK, abgerufen am 14.03.2021.
7 Vgl. Tagesschau:LINK
8 Vgl. LINK, abgerufen am 16.03.2021
9 Vgl. EU-Parlament: LINK, abgerufen am 16.03.2021.
10 Vgl. CHE Manager: “Mehr Transparenz durch digitale Lieferketten” LINK, abgerufen am 11.03.2021.

10 Dez 2020

Im exklusiven Ranking „Die 200 nachhaltigsten Unternehmen Deutschlands 2021“ der stern-Redaktion und des Marktforschungsunternehmens Statista stehen fünf WeSustain Softwarekunden – darunter Allianz, Merck und Talanx – in der Top 10 der nachhaltigsten Unternehmen Deutschlands 2021.

Der Versicherungskonzern Allianz ist von der stern-Redaktion und dem Marktforschungsunternehmen Statista in einem aktuellen Ranking als nachhaltigstes Unternehmen Deutschlands 2021 bewertet worden. Neben dem Ranking-Primus Allianz sichern sich weitere vier Unternehmen und Softwarekunden von WeSustain – u.a. das Pharmaunternehmen Merck und der Versicherungskonzern Talanx aus Hannover – einen Platz in der Top 10 des Rankings. Alle fünf Unternehmen und WeSustain-Kunden nutzen die Enterprise Sustainability Management (ESM) Software für ihr Nachhaltigkeitsmanagement, das im Rahmen des Rankings entlang von 30 Kennzahlen in den drei Kategorien Umwelt, Soziales und Ökonomie analysiert und bewertet wurde. Zudem wurde über ein Onlinepanel die Nachhaltigkeits-Wahrnehmung in Bezug auf die Unternehmen durch 13.000 Bürgerinnen und Bürger erhoben.

Unsere Kunden setzen bei der Professionalisierung ihres Nachhaltigkeitsmanagements auf WeSustain als Softwarepartner, weil sie mit uns kollaborative und digitale Prozesse aufbauen und so ihre Nachhaltigkeitsprojekte wirksam steuern und umsetzen. Sie legen damit die Basis für eine transparente Kommunikation und eine effektive Nachhaltigkeitsleistung. Es freut uns sehr, dass in den Top 10 des Rankings der stern-Redaktion und Statista fünf unserer Kunden die Anerkennung für ihre Bemühungen erhalten haben”, betont Dr. Manfred Heil, Geschäftsführer bei WeSustain.

Das Magazin stern und das Marktforschungsunternehmen Statista haben insgesamt 2.000 Unternehmen mit Sitz in Deutschland für das Ranking in ihrer Nachhaltigkeitsleistung verglichen. Prämisse dafür war, dass das Unternehmen mindestens 500 Mitarbeiter beschäftigt, zu den umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland zählt oder einem Index in der Dax-Familie gelistet ist. Dabei wurde die Rüstungsindustrie ebenso wie Firmen mit Treibhausgas-Emissionen von über zehn Millionen Tonnen vom Ranking ausgeschlossen. Insgesamt konnten sich 200 Firmen für das Ranking qualifizieren.

Mehr zu den Kunden von WeSustain finden Sie unter:
https://wesustain.link/kunden

Ansprechpartner WeSustain GmbH

Markus Bowe
ESM-Produktmanager
markus.bowe@wesustain.com

Michael Schnerring
Vertriebsleiter “ESM Lösung”
michael.schnerring@wesustain.com

26 Nov 2020

17 globale Nachhaltigkeitsziele und 5 bis 7 Billionen US Dollar pro Jahr um diese zu erreichen. Die Sustainable Development Goals und ihre Finanzierung fordern Gesellschaften, Realwirtschaft und Kapitalmarkt heraus. Der “SDG Investment Case” soll die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit schließen.

von Marie-Lucie Linde, freie Mitarbeiterin bei WeSustain und Beraterin für nachhaltige Unternehmensführung

Auf dem SDG Business Forum in 2017 haben führende Wirtschaftsorganisationen, Institutionen und Netzwerke des privaten Sektors die Bedeutung der Sustainable Development Goals (kurz: SDGs) der Vereinten Nationen für die Wirtschaft auf den Punkt gebracht: „Die SDGs bieten allen Unternehmen eine neue Linse, durch die sie die Bedürfnisse und Ambitionen der Welt in Geschäftslösungen umsetzen können (…).1

Doch die SDGs sind nicht nur für Unternehmen von zentraler Bedeutung. Sie sind zu einem universellen Rahmen geworden, der alle Akteure der Weltgemeinschaft auf ein klares und in dieser Form noch nie dagewesenes Zielbild zur Bewältigung der drängendsten weltweiten Probleme wie Armut, Hunger und den Klimawandel einschwört. Dabei spielen neben den Unternehmen vor allem auch der Privatsektor des Finanzmarktes eine ganz zentrale Rolle. Wir fragen uns in diesem Themenspecial daher, welche Relevanz die SDGs für Investoren haben und was sich hinter dem sogenannten “SDG Investment Case” verbirgt.

Die SDGs – ein universelles Zielbild für die Welt

Die Agenda 2030 der Vereinten Nationen und mit ihr die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) wurden von der globalen Staatengemeinschaft – Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen – in 2015 verabschiedet. Ein internationaler Durchbruch ohnegleichen und längst überfällig für die nachhaltige Entwicklung, betonte auch der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon: „Wir können die erste Generation sein, der es gelingt, die Armut zu beseitigen, ebenso wie wir die letzte sein könnten, die die Chance hat, unseren Planeten zu retten.2

Die 17 Nachhaltigkeitsziele stellen eine universelle Agenda zur Bewältigung der drängendsten Probleme des 21. Jahrhunderts dar und zeichnet ein klares Zielbild einer lebenswerten Welt in 2030. Mit ihren insgesamt 169 Unterzielen geben die SDGs der Weltgemeinschaft einen Rahmen mit klaren Zielvorgaben und Handlungsfeldern, auf die es hinzuwirken gilt. Die SDGs sind somit ein “Call to action”, um ein neues und tragfähiges Modell für die Zukunft zu schaffen, indem Wirtschaftswachstum erreicht wird, ohne dabei unsere Umwelt zu gefährden oder andere Gesellschaften ungerechte Belastungen aufzuerlegen. Dabei geht dieser Ruf ausnahmslos an alle Marktakteure: 

  • an ganze Staaten, die mithilfe ihrer nationalen Nachhaltigkeitsstrategien die politischen Rahmenbedingungen und Anreize schaffen sollen
  • an Unternehmen, die mit nachhaltigen Geschäftslösungen einen Beitrag zur Bewältigung der konkreten Probleme wie Klimawandel, Armut und Ungleichheiten leisten sollen sowie 
  • an Investoren vor allem aus dem Privatsektor, die die SDGs als Leitlinie für verantwortungsvolles Investieren heranziehen sollen, um so die notwendige Finanzierung der SDGs zur Verfügung zu stellen.

SDG Goals

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 1: Die 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen

Die SDGs und der Kapitalmarkt

Um die SDGs Realität werden zu lassen, braucht es Expertenmeinungen zufolge etwa 5 bis 7 Billionen US Dollar an Investment pro Jahr. Wenn man jedoch die aktuelle Situation betrachtet, dann klafft eine erhebliche Lücke zwischen, dem was gebraucht wird, um die SDGs zu erreichen, und dem, was derzeit an finanziellen Mitteln zur Verfügung steht. ExpertInnen sprechen in diesem Kontext von der sogenannten “SDG-Finanzierungslücke” (engl. “SDG funding or financing gap”), die es von 2015 bis 2030 zu schließen gilt3. Doch wer soll diese Lücke schließen und wie? 

Spätestens mit dieser Frage haben die SDGs – neben Regierungen weltweit – den Kapitalmarkt erreicht. Denn vor allem die private Finanzierung und privates Kapital bergen das Potenzial, die SDG-Finanzierungslücke zu schließen. Und so geht der Appell an Investoren, ihre Investitionsströme auf die neuen innovativen Produkte und Dienstleistungen umzulenken, die sich auf die Erreichung der SDGs konzentrieren. “Im Gegensatz zum ESG-Ansatz trägt die Fokussierung auf die SDGs zur aktiven Lösung von Problemen bei. Deswegen betreiben wir die SDG INVESTMENTS Plattform, die sich ausschließlich auf die Vermittlung von Finanzierungen für Unternehmen konzentriert, deren Dienstleistungen und Produktlösungen einen positiven Beitrag zu den SDGs haben”, betont Frank Ackermann, Managing Partner bei SDG Investments. Die “Business & Sustainable Development Commission” als auch die Initiative “United Nations Principles for Responsible Investment” (kurz: UN PRI) betonen ebenfalls, dass es für Investoren des privaten Sektors einen klaren “SDG Investment Case” gibt: Die SDGs könnten nämlich allein in den Bereichen Nahrungsmittel, Landwirtschaft, Städte und Kommunen, Energie und Rohstoffe sowie im Gesundheitswesen Marktchancen in Höhe von bis zu 12 Billionen US Dollar eröffnen und bis 2030 380 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen.4 

Zudem besagt die Treuepflicht des 21. Jahrhunderts, dass Investoren als Teil ihrer Pflicht gegenüber Begünstigten alle finanziell materiellen Faktoren zu berücksichtigen haben, unabhängig von ihrer Herkunft.5 Das bedeutet, dass neben den rein finanziellen eben auch die Umwelt-, Sozial- und Governance-Fragen (ESG-Kriterien) bzw. Risiken bei den Finanzanalysen und Portfolio-Aufbaustrategien eine zentrale Rolle spielen müssen. Das derzeit prominenteste Beispiel ist die Integration von klimabezogenen Risiken in bestehende Risikoprozesse, wie es u.a. die BaFin in ihrem Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken empfiehlt. Und so definiert die Initiative UN PRI verantwortungsvolle Investitionen als eine Strategie und Praxis zur Einbeziehung von ESG-Faktoren in Investitionsentscheidungen. Und gleichzeitig bekennen sich die UN PRI-Unterzeichner in der Präambel zu den “6 Prinzipien für verantwortungsvolles Investieren” klar zu den SDGs: „Wir erkennen an, dass die Anwendung dieser Grundsätze die Investoren besser mit den umfassenderen Zielen der Gesellschaft in Einklang bringen kann.” Weiter betont UN PRI in seiner Veröffentlichung “The SDG Investment Case” aus dem Jahr 2017, dass noch nie zuvor diese „umfassenden Ziele der Gesellschaft“ klarer definiert wurden, als in den SDGs.6

UN PRI prägt den „SDG Investment Case“

Die Initiative der Vereinten Nationen “UN PRI” prägt mit ihren “6 Prinzipien für verantwortungsvolles Investieren” und ihrer klaren Haltung maßgeblich den aktuellen Diskurs rund um den „SDG Investment Case“. Die über 2.400 Unterzeichner der Prinzipien verpflichten sich gemeinsam einer ambitionierten Mission: “Wir glauben, dass langfristige Wertschöpfung nur in einem wirtschaftlich effizienten, nachhaltig gestalteten globalen Finanzsystem möglich ist. Ein derartiges System wird langfristige, verantwortungsvolle Investitionen belohnen und sowohl Umwelt als auch der Gesellschaft als Ganzes zugutekommen.

Konsistent zu dieser Mission bringt die UN PRI mit ihrer Arbeit, ihren Ausführungen und ihrem Framework u.a. in Partnerschaft mit der “UN Alliance for SDG Finance” auch den „SDG Investment Case“ voran und appelliert Investoren gegenüber unermüdlich zu  wirkungsorientierten Strategien. Mit der Veröffentlichung “The SDG Investment Case“ prägt UN PRI die Argumente für das verantwortungsvolle Investieren im Sinne der SDGs und gibt eine Antwort auf die Frage, warum die SDGs für die Anlagestrategien, die Asset Allokation und Investitionsentscheidungen so relevant sind.

Dabei stehen 5 Argumente im Fokus7:

  1. Die SDGs sind der weltweit vereinbarte Nachhaltigkeitsrahmen, den es bis 2030 zu finanzieren gilt, indem Gelder in langfristig und nachhaltig wirtschaftende Unternehmen und Ökonomien investiert wird.
  2. Die SDGs gehören zur treuhänderischen Verantwortung, da sie Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien (kurz: ESG) global konkretisieren.
  3. Die SDGs werden das Weltwirtschaftswachstum vorantreiben und enorme Marktchancen hervorbringen.
  4. Die SDGs eignen sich zum mikroökonomischen Risikomanagement, indem sie externe Kosten und deren finanzielle Materialität aufzeigen und somit die ESG-Risiko-Frameworks bei Investoren stärken.
  5. Die SDGs lassen sich bei verschiedenen Anlageklassen in ein Leitfaden für die Kapitalallokation übersetzen, da immer mehr Unternehmen ihre Geschäftsmodelle auf die SDGs ausrichten.

Diese Argumentation ist für die meisten Investoren nachvollziehbar, weswegen viele die Rolle der SDGs für die Entwicklung einer verantwortungsvollen Investitionsagenda für die nächsten 10 Jahre als zentral ansehen. Und dennoch steckt der „SDG Investment Case“ bei vielen noch in den Kinderschuhen: Viele Investoren haben noch keine Antwort auf die Frage, ob und wie die SDGs ihre Investitionsstrategie, Politik, Vermögensallokation und andere Investitionsentscheidungen beeinflussen werden. Einen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage soll die geplante EU-Taxonomie leisten. “Für jede Industrie definiert die Taxonomie Kriterien für klimafreundliche Maßnahmen zur Vermeidung von Emissionen (Mitigation) oder zur Anpassung (Adaptation), wie bspw. Emissionslimits bei Autos oder grüne Stahlverfahren in der Stahlherstellung. Investoren, die Maßnahmen finanzieren und diese Kriterien einhalten, können ihr Investment als grün markieren und Taxonomie-konform nennen.”9

Die Rolle von Big Data für den „SDG Investment Case“

In der Realwirtschaft und am Kapitalmarkt nutzen immer mehr Akteure die SDGs als Framework, um die Wirkung von Nachhaltigkeits- oder ESG-Maßnahmen messbar zu machen. Und dort, wo das Wort “Messbarkeit” anklingt, ist auch das Thema “Big data” nicht weit entfernt. Und so stellen auch in diesem Kontext Daten ein zentrales Transformationspotenzial dar. “Neue Datenquellen wie z.B. Satellitendaten, neue Technologien und neue analytische Ansätze können, wenn sie verantwortungsbewusst eingesetzt werden, eine agilere, effizientere und evidenzbasierte Entscheidungsfindung ermöglichen und die Fortschritte bei der Verwirklichung der Ziele der nachhaltigen Entwicklung (SDGs) besser messen, und zwar auf eine Weise, die sowohl integrativ als auch fair ist”, unterstreichen die Vereinten Nationen in ihrem Statement “Big Data for Sustainable Development”. 

Und auch hier spielt der private Sektor, wie auch am Kapitalmarkt zur Schließung der SDG-Finanzierungslücke, eine zentrale Rolle. Denn viele Daten werden derzeit durch den privaten Sektor erhoben. Arturo Martinez, Statistiker in der Abteilung für Wirtschaftsforschung und regionale Zusammenarbeit, und Jose Ramon Albert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am “Philippine Institute for Development Studies” beschäftigen sich in ihrem Blog-Beitrag “Big Data can transform SDG performance” mit den Chancen und Herausforderungen in der Wirkungsmessung der SDGs. Ihre aktuelle Einschätzung ist: “Die Ziele für nachhaltige Entwicklung bieten spezifische, zeitgebundene und quantifizierbare Ziele, die mit den nationalen Entwicklungsplänen und Prioritäten übereinstimmen. Angesichts der über 230 Indikatoren für nachhaltige Entwicklung – von denen viele nach Ort, Geschlecht, Alter, Einkommen und anderen relevanten Dimensionen aufgeschlüsselt werden müssen – ist es für die nationalen Statistiksysteme (NSS) jedoch nicht einfach, die notwendigen granularen Daten zur Überwachung aller Indikatoren und Ziele zu sammeln.10

Der Trend hin zu “Big Data”, den auch die beiden Wissenschaftler beschreiben, spielt der Wirkungsmessung im Sinne der SDGs somit in die Karten: Die enorme Datenmenge, die durch zunehmend digitalisierte Prozesse und moderne Technologien wie Softwarelösungen im privaten Sektor entsteht, kann die Basis für eine belastbare Messung schaffen. Und so beginnen erste Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit und ihr zusätzliches Engagement auf diese 17 SDGs zu matchen und konkret zu schauen, auf welches der Ziele sie einen messbaren Beitrag leisten können. Das Impact Measurement entlang der SDGs, wie auch der „SDG Investment Case“, befindet sich jedoch noch in den Kinderschuhen. In der Praxis mangelt oftmals noch an den verlässlichen Management-Tools, um die relevanten Daten für eine Wirkungsmessung zu erheben und zu analysieren. Der Softwareanbieter für verantwortungsvolle Unternehmensführung – WeSustain – als ein Beispiel hat dieses Bedürfnis der Unternehmen erkannt und unterstützt mit der “Impact Management Software” Unternehmen bei der Professionalisierung ihrer betrieblichen Wirkungsmessung entlang der SDGs. Mithilfe zahlreicher Funktionen können Nutzer hier Daten zuverlässig erheben, die Wirkung einzelner Projekte mithilfe von Zielen wie den SDGs auswerten und Berichte erstellen.

Die SDGs als Richtungsgeber für eine nachhaltige Transformation

Der hier gezeichnete und von der Initiative der UN PRI geförderte “SDG Investment Case” zeigt, dass wir in Sachen nachhaltiger Entwicklung gereift sind: Raus aus dem Zeitalter des “do no harm”, in das Zeitalter des “real-world impacts”11. Dabei zeigt sich zunehmend, dass für Investoren “doing safe by doing good” in Form einer proaktiven ESG-Strategie ein Erfolgsfaktor ist. Die Ausrichtung auf die SDGs birgt dabei – sowohl für Realwirtschaft als auch für Investoren – immense Marktchancen. Aber nur wenn wir es schaffen, die Finanzierungslücke zu schließen, sprich Kapital und nachhaltige Geschäftslösungen für die Bewältigung der in den SDGs adressierten drängendsten Probleme der Welt zusammenzubringen. Dabei werden Kapitalströme aus dem Privatsektor von entscheidender Bedeutung sein, weswegen man gespannt auf die sich konkretisierende EU-Taxonomie blicken kann. Zur Umsetzung der SDGs werden zudem Big Data und smarte datenbasierte Tools zum neuen Standard werden, damit der “real-world impact” im Sinne der SDGs in Zukunft steuerbar, messbar und transparent wird. Nur so können wir konkret auf das Zielbild 2030 hin steuern und arbeiten.

Fußnoten zum Themenspecial: „Mit dem “SDG Investment Case” die Lücke schließen“:

1 Vgl. LINK, abgerufen am 05.11.2020.
2 Vgl.  LINK, abgerufen am 14.11.2020.
3 Vgl. UNPD (2017):  LINK, abgerufen am 14.11.2020.
4 Vgl. UNPD (2017):  LINK, abgerufen am 14.11.2020.
5 Vgl. UN PRI (2017): ““SDG Investment Case“”: LINK, abgerufen am 02.11.2020.
6 Vgl. UN PRI (2017): ““SDG Investment Case“”: LINK, abgerufen am 02.11.2020.
7 Vgl. Susanne Bergius im Handelsblatt (2018): “Nachhaltige Investments – UN-Ziele zum Investmentfall machen”. S. 3.
8 Vgl. Dr. Matthias Kannegiesser – sustainable natives eG (2020): LINK, abgerufen am 14.11.2020
9 Vgl. UN, LINK, abgerufen am 14.11.2020.
10 Vgl. Asian Development Blog (ADB): LINK, abgerufen am 14.11.2020.
11 Vgl. UN PRI: LINK, abgerufen am 14.11.2020.

03 Nov 2020

WeSustain veröffentlicht neues Whitepaper:
“Nachhaltigkeitsentwicklung in der Realwirtschaft als Vorbote der ESG-Entwicklung am Finanzmarkt”

Wie sich die Realwirtschaft professionalisiert hat und was sich für die Zukunft der ESG-Entwicklung daraus ableiten lässt.

In dem Whitepaper “Nachhaltigkeitsentwicklung in der Realwirtschaft als Vorbote der ESG-Entwicklung am Finanzmarkt” beschäftigen wir uns mit der Entwicklung der unternehmerischen Nachhaltigkeit in der Realwirtschaft in den letzten Jahrzehnten und leiten daraus Prognosen für die ESG-Entwicklung am Finanzmarkt ab.

Auszug aus unserem Whitepaper:

Der Begriff “Nachhaltigkeit” ist in der Realwirtschaft schon länger kein Fremdwort mehr. Seit geraumer Zeit ist das ganzheitliche Nachhaltigkeitskonzept als Managementprinzip in der Unternehmensrealität vieler angekommen und professionalisiert sich zunehmend.

Das es nicht immer so war, zeigt die Entwicklungsgeschichte der unternehmerischen Nachhaltigkeit. Vom betrieblichen Umweltschutz über die soziale und gesellschaftliche Verantwortung (CSR) ist der Umgang mit Nachhaltigkeitsbelangen in Unternehmen heute zu einer neuen Form der Unternehmensführung gereift, der nachhaltigen bzw. verantwortungsvollen Unternehmensführung. Diesen Entwicklungspfad haben Meilensteine wie die universelle Definition von Nachhaltigkeit durch die Brundtland-Kommission, die Einführung des ganzheitlich gedachten Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit, die Debatte rund um die Wesentlichkeitsbetrachtung, die CSR-Berichtspflicht als auch die Verabschiedung der Sustainable Development Goals (kurz: SDGs) als auch des Pariser Klimaabkommens geprägt. Welche Aufschlüsse und Prognosen dieser Entwicklungspfad der Realwirtschaft auf die Zukunft der ESG-Entwicklung am Finanzmarkt zulässt, erfahren Sie in diesem Whitepaper.

Unsere zentrale Fragestellung: Ist die Nachhaltigkeitsentwicklung der Realwirtschaft Vorbote der ESG-Entwicklung am Finanzmarkt?

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    29 Jul 2020

    Unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Politik steht vor noch nie dagewesenen Herausforderungen. Der Grund: Ein Virus namens Corona. Gleichzeitig beschleunigt es einen Wandel hin zu mehr Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Wie das Coronavirus Unternehmen in diesem Kontext herausfordert und wo WeSustain unterstützen kann.

    von Marie-Lucie Linde

    Covid-19, Sars-CoV-2 oder Corona. Drei Begriffe, die Bezug nehmen auf ein und dasselbe Virus, das seit diesem Frühjahr die Weltgemeinschaft in eine Ausnahmesituation sondergleichen gestürzt hat. Eben ein Virus mit großer Wirkung. Vom tragischen Verlust von Menschenleben über Social Distancing und das Tragen von Mundschutz in der Öffentlichkeit bis hin zum Stillstand ganzer Wirtschaftszweige (Autoindustrie, Tourismus etc.), das Virus hat unsere Gesellschaft und Wirtschaft auf den Kopf gestellt und unwiderruflich verändert. In Anbetracht des hohen Verlustes von Menschenleben durch Corona, ist es fast anmaßend, der Krise etwas Positives abgewinnen zu wollen. Doch es ist menschlich, in der Krisenhaftigkeit etwas Positives zu suchen, um das Leid und die Veränderungen akzeptieren zu können. Und so fragen sich viele Unternehmerinnen und Unternehmer: Welche Veränderungen oder Entwicklungen möchte ich für mein Unternehmen aus dieser Krise in Zukunft positiv fortschreiben? Welche neuen Anforderungen hat Corona in mein Unternehmen getragen? Zudem soll dieses Themenspecial „Corona, ein Virus mit großer Wirkung für die Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ aufzeigen, welche dieser neuen Anforderungen Unternehmen mit den Lösungen von WeSustain begegnen können?

    Von der Existenznot, über stillstehende Maschinen bis hin zu Geister-Büros 

    Jedes Unternehmen ist in der ein oder anderen Form durch Corona betroffen und herausgefordert. Die Meldungen über Großkonzerne (z.B. Lufthansa) und ganze Branchen (Gastronomie und Tourismus), die um ihre Existenz bangen, häufen sich. Pleiten und Insolvenzen werden zum Massenphänomen. Nur durch die, von der Politik kurzfristig geschnürten, Soforthilfepakete wird der wirtschaftliche Kollaps vermieden, auf nationaler als auch auf europäischer Ebene. Doch noch heute stehen in einigen Unternehmen der Betrieb als auch die Maschinen still, trotz Lockerungsmaßnahmen. 

    Die Unternehmen, die während der Krise ihren Betrieb aufrecht halten konnten, blicken ihrerseits in Geister-Büros. Nur vereinzelt kehren die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus dem Homeoffice – dort wo es möglich ist – wieder in die Büros zurück. Leere Schreibtische, stille Flure und kleine Meetings mit Abstandsregelungen oder aber Videokonferenzen prägen das Bürobild und den Unternehmensalltag. Doch das Coronavirus hat nicht nur den betrieblichen Alltag verändert, es hat auch ganz neue operative Anforderungen mit sich gebracht: von einer anderen Form der Zusammenarbeit, der zunehmenden Digitalisierung über neue Anforderungen an das Supply-Chain-, Compliance- und Risikomanagement – sprich einer erweiterten Betreiberverantwortung – bis hin zu neuen Forderungen an die Finanzkommunikation von Unternehmen. Während auch WeSustain, als Softwareanbieter für die verantwortungsvolle Unternehmensführung, durch Corona herausgefordert ist, hat sich in diesen besonderen Zeiten der Austausch mit Kunden intensiviert. Denn sie alle sind auf der Suche nach Lösungen, um den neuen operativen Herausforderungen Herr zu werden. 

    Digital und analog: Geht doch! 

    In der Theorie sollte sich jedes Unternehmen im Zeitalter der Digitalisierung an die analoge und digitale Zusammenarbeit gewöhnt haben. In der Praxis war bis vor Kurzem das Gegenteil noch gelebte Realität: Die Möglichkeit aus dem Homeoffice heraus zu arbeiten oder aber mit Kunden oder Partnern via Teleconferencing zu tagen, war selbst im Jahr 2020 in vielen Unternehmen entweder vermieden oder aber rar gesät. Zu klein war der Glaube daran, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Homeoffice tatsächlich produktiv seien. Und auch Dienstreisen zu Kunden oder Partnern waren ein Muss, wenn nicht sogar ein Statussymbol für den persönlichen oder aber unternehmerischen Erfolg.

    Corona hat nun den Beweis angetreten, dass eine digitale Zusammenarbeit aus dem Homeoffice heraus in Unternehmen funktioniert. Gesamte Belegschaften wurden aufgrund der Ansteckungsgefahren nach Hause geschickt und mit der entsprechenden Hard- und Software ausgestattet. Mal die Liquiditätseinbußen durch eine eingebrochene Auftragslage oder die heimische Herausforderung der Kinderbetreuung außer Acht gelassen, waren vor allem nicht produzierende Unternehmen so weiter arbeitsfähig. So ist auch WeSustain als Softwareentwickler ohne eine physische Produktion durch die neue Situation herausgefordert, doch weiter arbeitsfähig. Ausschlaggebend dafür: WeSustain setzt seit Beginn an überwiegend auf digitalisierte Arbeitsprozesse und dezentrale Strukturen der Zusammenarbeit und kann daher so – auch in Zeiten von Corona – den Geschäftsbetrieb und die Softwareentwicklung aus dem Homeoffice heraus aufrecht halten. 

    Der Gesetzgeber hat seinen nötigen Beitrag geleistet, diese Veränderung in der Zusammenarbeit zu beschleunigen: So dürfen z.B. Vorstands-, Aufsichtsrats- oder aber Aktionärsversammlungen jetzt und in Zukunft online stattfinden. Eine Veränderung und neue Haltung zur effektiven Zusammenarbeit in Unternehmen, die die Arbeitswelt von heute und morgen prägen wird: Statt Misstrauen und Kontrolle, setzt sich Vertrauen und Eigenverantwortlichkeit als Unternehmenskultur durch. Definitiv ein positiver Effekt der Krise.

    Der schlafende Riese ist endlich erwacht

    Die Corona-Krise hat einen weiteren Effekt: Sie hat der Digitalisierung in Unternehmen einen immensen Schub gegeben und das bisher unmöglich Geglaubte, in kürzester Zeit möglich gemacht. Denn auf einmal haben Unternehmen und Verwaltungen ihre Arbeitsprozesse umfänglich digitalisiert, weil sie sonst nicht mehr handlungsfähig gewesen wären. Hier einige Beispiele aus Branchen, die vorher viel diskutierte und zum Teil kritisierte digitale Lösungen nun einsetzen: 

    • das Gesundheitswesen, das sich der Telemedizin und digitalen Sprechstunden bedienen
    • die Hochschulen, die ganze Curricula in Online-Vorlesungen umgestalten
    • die Immobilienbranche, die Online-Besichtigungen und digitale Tools für das Matchen von Immobilie und Mieter/Käufer einsetzen1
    • die Politik mit dem vielleicht prominentesten Beispiel in Form der Corona-App

    Die Krise hat vermeintliche Blockaden für mehr Digitalisierung in Unternehmen gelöst und so den Weg für einen Wandel bereitet. Gleichzeitig hat sie gezeigt und transparent gemacht, wo es die deutsche Wirtschaft in Sachen Digitalisierung versäumt hat, aktiv zu werden. Vor allem im Bereich IT-Sicherheit hat Deutschland akuten Nachholbedarf, was der Vorfall in Nordrhein-Westfalen im Zusammenhang mit den Vergabe der Soforthilfe-Gelder aufgezeigt hat. “Aktuell zeigt sich, dass, wer bei der Digitalisierung schon sehr weit war, durch Corona am wenigsten eingeschränkt wurde und schnell in eine neue Arbeitsweise gefunden hat. Egal ob Homeoffice, digitale Schule oder digitale Verwaltung: Überall, wo die digitale Transformation schon weit war, konnte man nahtlos in einen neuen Modus kommen. Gerade die Digitalunternehmen, beispielsweise der Online-Handel, haben momentan die wenigsten Probleme”2, betont Christopher Meinecke, ausgewiesener Experte für Digitalisierung und Leiter des Bereichs „Digitale Transformation“ beim Bundesverband Informationswissenschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) in Berlin. Der Meinung ist auch Manfred Heil, Geschäftsführer bei WeSustain: “Nicht erst seit Corona wissen wir bei WeSustain, dass eine Professionalisierung von betrieblichen Prozessen vor allem digital und kollaborativ ist. Das gilt im Bereich des Nachhaltigkeits-, ESG-, Compliance– und Audit-Managements genauso wie für alle anderen Unternehmensbereiche. Deswegen entwickeln wir Softwarelösungen, die digitale Strukturen  in Unternehmen etablieren und Mitarbeitern eine kollaborative Plattform bieten, um an gemeinsamen Projekten zu arbeiten.” 

    So wie auch Meinecke, sehen einige weitere führende Experten die Gefahr, dass diese Entwicklung hin zu mehr Digitalisierung nur ein Einmaleffekt bleiben könnte und auch die Investitionsbereitschaft in die konsequente Digitalisierung durch die Kosten der Krise geschmälert werden könnte. Sie rufen daher auf, den neuen Schwung in Sachen Digitalisierung konsequent mit in die Zukunft zu tragen.3

    Glokalisierung als neue Maxime  

    Neben den Digital-Experten, schauen führende Zukunftsforscher vor allem auf globale Wertschöpfungsketten und das Supply-Chain-Management von Unternehmen. Das Brennglas “Corona” macht auch hier eine Schwachstelle sichtbar: Denn globale Lieferketten sind fragil und bergen das Risiko, dass sie bei Lieferengpässen oder kompletten Lieferausfällen zusammenbrechen. Der Ruf nach “Glokalisierung” – sprich einer Globalisierung mit stärkeren lokalen und regionalen Komponenten – wird daher immer lauter. Ziel soll es sein, dass z.B. die europäischen Länder ihre Produkte vor allem innerhalb der EU fertigen und lagern, um so zum einen Transportwege zu verkürzen und Emissionen einzusparen als auch zum anderen die Abhängigkeit von rein global organisierten und outgesourcten Lieferketten zu verringern. Auch hier spielen die Digitalisierung und neue Technologien sowie Softwarelösungen eine besondere Rolle: “Gerade das Supply-Chain-Management ist komplex und birgt besondere Herausforderungen an konsistente Daten und ihre Transparenz. Mithilfe unserer WeSustain-Software, unterstützen wir Unternehmen Nachhaltigkeitsrisiken, die jetzt durch die Krise verstärkt in den Fokus gerückt sind, entlang der Lieferkette systematisch zu erkennen und zu steuern”, erzählt Manfred Heil. 

    Corona bestärkt somit die Forderung nach einer digitalen Transformation, um dezentrale und lokale Prozesse sinnstiftend und wertschöpfend mit globalen Prozessen zu vernetzen. Ein Beispiel das dies gelingen kann, ist die additive Fertigung, die das digitale Entwickeln aber lokale Produzieren von Produkten schon heute möglich macht. Doch nicht nur die Digitalisierung, auch das Vorantreiben der Kreislaufwirtschaft spielt im Zusammenhang der “Glokalisierung” eine zentrale Rolle. Denn nur, wenn Ressourcen in einem Kreislaufsystem wieder der Wertschöpfungskette zugeführt werden, können Unternehmen sich von globalen Lieferketten künftig emanzipieren.4  

    Neuland: Nichtfinanzielle Risiken und erweiterte Betreiberverantwortung

    In Zeiten der Corona-Pandemie sind einmal mehr die Risiko- und Compliance-Manager in den Unternehmen gefragt. Denn sie sind es, die derzeit mit zahlreichen Zusatzaufgaben (z.B. Business Continuity Management oder aber Ad-hoc Meldungen veröffentlichen), einen zentralen Beitrag leisten, um den Schaden für Unternehmen zu begrenzen. Dabei hat Corona vor allem neue Risiken aufgetan, die ein Zurückgreifen auf bewährte Steuerungsinstrumente nur bedingt möglich macht. Denn sie haben ihre Ursache überwiegend im Bereich “Non financial Risk”. Beispiele für diese Form von Risiken sind Reputationsrisiken, IT-Systemausfälle (Cybercrime) und IT-Sicherheitsrisiken oder aber Nachhaltigkeits- bzw. ESG-Risiken. Das Risiko- und Compliance-Management in Zeiten von Corona ist daher für viele Neuland.5 

    Neben der Sicherung der wirtschaftlichen Existenz, sind vor allem die Compliance-Abteilungen der Unternehmen derzeit damit beschäftigt, die vollständige Rechtssicherheit mit neuartigen länderspezifischen und behördlichen Maßnahmen – vor allem in Bezug auf das Infektionsschutzgesetz – zu gewährleisten. Denn in diesen Maßnahmen liegen einige Sanktionsrisiken verborgen: So zum Beispiel das Risiko zur Zahlung horrender Bußgelder bei Verstoß gegen die Anordnung zur Schließung der Betriebsstätte, um nur ein Beispiel zu nennen. Die besondere Herausforderung liegt vor allem darin, sich über die rasant verändernden, zum Teil im Eilverfahren erlassenen, behördlichen Anordnungen stets informiert zu halten und diese adäquat umzusetzen, um eben die Rechtssicherheit für das Unternehmen zu garantieren.6 Eine Stütze kann hier eine zuverlässige Softwarelösung, wie die “Enterprise Compliance Management” (ECM) Lösung von WeSustain sein, in der u.a. relevante Rechtskataster stets aktualisiert und Anwender über die Aktualisierung umgehend informiert werden, sodass Compliance-Manager schnell und rechtssicher reagieren können.  

    In Expertenkreisen ist man sich einig, dass der professionelle Umgang mit der Corona-Pandemie, in die Betreiberverantwortung von Unternehmen fällt. Denn sie umfasst unlängst nicht mehr nur das verantwortungsvolle Betreiben von technischen Anlagen und dem gesetzeskonformen Gebäudebetrieb, sondern eben auch die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers für seine Mitarbeiter in Form von Gesundheits- und Arbeitsschutzmaßnahmen (Stichwort: HSE bzw. EHS). Diskutiert wird jedoch noch, was die Auslagerung der Verantwortung weg von der Privatperson (MitarbeiterIn) auf eine privatwirtschaftliche Ebene (Unternehmen) außerhalb solcher Ausnahmeereignisse wie die Corona-Pandemie für die Betreiberverantwortung und Legal Compliance bedeutet.7

    Nachhaltigkeit bahnt sich ihren Weg in die Investor Relations

    Und auch die Finanzkommunikation der Unternehmen erfährt durch die Corona-Krise einen Schub, und zwar in Richtung Nachhaltigkeit. Auch wenn das Thema “Green Finance” oder aber “Sustainable Finance” für viele Investor-Relations-Abteilungen noch Neuland ist, steht es jetzt aufgrund kommender Regulierung, aber auch durch die Corona-Krise, ganz oben auf der Agenda. Die Forderung am Kapitalmarkt wird immer lauter, die Nachhaltigkeitsabteilung, die sich vor allem um das Management und die Kommunikation von nichtfinanziellen Aspekten (ESG) des Unternehmens kümmert, näher an die Investor-Relations-Abteilung heranzuführen. Und auch für diese Abteilungen werden künftig digitale Datenmanagement- und Reporting-Prozesse, wie die ESG-Lösung oder aber die “Enterprise Sustainability Management” (ESM) Lösung von WeSustain, unabdingbar: “Wir arbeiten eng mit Stakeholdern aus dem Finanzmarkt zusammen, die uns konkret schildern, welche neuen Anforderungen an die Finanzkommunikation durch digitalisierte Prozesse vereinfacht werden können”, berichtet Dr. Manfred Heil von WeSustain.

    Nicht zuletzt die finanziellen Konjunkturpakete auf nationaler als auch auf europäischer Ebene, haben den Stellenwert der nachhaltigen Transformation festgeschrieben. Der Wiederaufbau Europas nach Corona – u.a. durch den “Green Deal” – ist für viele eine historische Chance, den Klimaschutz voranzutreiben und die Investitionen in “dreckige” Investments konsequent zu reduzieren. Das zentrale Anliegen soll es sein, dieses Mal das Geld nicht wieder, wie nach der Finanzkrise 2008, zu einem großen Teil in klimaschädliche Sektoren zu lenken, sondern vor allem in die Dekarbonisierung der Wirtschaft. Somit haben Unternehmen, die auf nachhaltige Geschäftsstrategien und eine ganzheitliche und transparente nichtfinanzielle Berichterstattung über ihre Investor Relations setzen, in Zukunft einen klaren Wettbewerbsvorteil am Markt.

    Und was bleibt am Ende? 

    Die Corona-Krise hat vieles verändert: Menschen, ganze Gesellschaften aber auch Politik und Wirtschaft. Das Miteinander im Privaten aber auch im Beruflichen hat sich gewandelt. Die Ausnahmesituation ausgelöst durch ein Virus, hat Veränderungsprozesse hin zu mehr Digitalisierung und Nachhaltigkeit augenscheinlich beschleunigt und das bisher Unmögliche möglich gemacht. Doch ob Unternehmen diese Veränderungen bzw. Entwicklung nun auch in die Zukunft fortschreiben, bleibt abzuwarten und hängt von den Lösungen ab, die ihnen dazu bereitstehen. “Wir sind davon überzeugt, dass wenn Unternehmen nun Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitsinitiativen, z.B. durch unsere IT-Plattformen, zusammenführen, sich die Wechselwirkung zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit effizient und sinnstiftend gestalten lässt”, sagt WeSustain-Geschäftsführer, Manfred Heil. Die Hoffnung herrscht somit vor, dass Unternehmen auch nach der akuten Pandemie, das “neue Normal” proaktiv im Sinne einer nachhaltigen und digitalen Transformation weiter gestalten. Die Weltgemeinschaft hat jetzt die einmalige Chance, einen neuen Weg einzuschlagen.

    Fußnoten zum Themenspecial: „Corona, ein Virus mit großer Wirkung für die Digitalisierung und Nachhaltigkeit“:

    1 Vgl. WELT AM SONNTAG: “Plötzlich schafft Deutschland, was bisher unmöglich schien” LINK, abgerufen am 05.07.2020.

    2 Vgl. idowa: “Digital-Experte im Interview. Befeuert das Coronavirus die Digitalisierung?” LINK, abgerufen am 05.07.2020.

    3 Vgl. WELT AM SONNTAG: “Plötzlich schafft Deutschland, was bisher unmöglich schien” LINK, abgerufen am 05.07.2020.

    4 Vgl. LOGISTIK Express: “‘Glokalisierung’ als Antwort auf Corona” LINK, abgerufen am 05.07.2020.

    5 Vgl. Haufe: “Risikomanagement und Coronavirus – worauf es jetzt ankommt” LINK, abgerufen am 07.07.2020.

    6 Vgl. Haufe: “Neue Compliance-Risiken für Unternehmen in Zeiten der Corona-Pandemie.” LINK, abgerufen am 09.07.2020.

    7 Vgl. Weka Akademie: “Hat Corona etwas mit Betreiberverantwortung zu tun?” LINK, abgerufen am 09.07.2020.