23 Mrz 2021

Egal ob vor- oder nachgelagert, auf Lieferketten liegt im Sinne der nachhaltigen Entwicklung ein besonderer Augenmerk. Nun ist der Beschluss für ein deutsches Lieferkettengesetz politisch verkündet und soll Verbindlichkeit von unternehmerischen Sorgfaltspflichten bringen.

von Marie-Lucie Linde, freie Mitarbeiterin bei WeSustain und Beraterin für nachhaltige Unternehmensführung

Im Zeitalter der Globalisierung und dem darin verankerten Prinzip der “globalen Arbeitsteilung” ist unsere Wirtschaft von hohen internationalen Verflechtungen und Abhängigkeiten geprägt. Branchen sind durch ihre Produktions- und Beschaffungsstrukturen ebenso wie ihre neuen Absatzmärkte in die verschiedensten Richtungen der Erde vernetzt. 

So beziehen Lebensmittelhersteller Rohstoffe aus Afrika oder Südamerika und Textilhersteller lassen ihre Produkte in Asien fertigen. Wir schauen in diesem Themenspecial – anlässlich des Beschlusses für ein deutsches Lieferkettengesetz – einmal genauer hin und fragen uns, welche neuen unternehmerischen Sorgfaltspflichten mit dem Gesetz einhergehen und wie man diesen – u.a. mithilfe digitaler Prozesse – begegnen kann. 

Lieferketten und ihre Relevanz für Nachhaltigkeit

Moderne Lieferketten gehen mit einer zunehmend hohen sozialen und ökologischen Verantwortung einher. Dies ist nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik als Erkenntnis gereift. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales definiert den Begriff der “Lieferkette” und die daraus resultierende unternehmerische Verantwortung daher wie folgt: 

Die Lieferkette umfasst den gesamten Weg eines Produktes von der Gewinnung der Rohstoffe über die Herstellung und Verarbeitung bis zur Lieferung des Produktes an die Endkunden. In der globalisierten Welt sind häufig mehrere Unternehmen und Lieferanten an der Produktion beteiligt. Deshalb ist es wichtig, dass die gesamte Lieferkette in den Blick genommen und auf Menschenrechte, einschließlich der Arbeitsbedingungen und des Umweltschutzes geachtet wird.1

Und so liegen in der besonderen Betrachtung der Lieferkette für viele Unternehmen Risiken aber auch Chancen: 

Risiken

  • eine vorherrschende Intransparenz in den Lieferketten zu nachahltigkeitsrelevanten Aspekten
  • eine mangelnde Durchsetzungskraft und Kontrolle von Nachhaltigkeitsaspekten entlang der Lieferkette
  • ein potenziell wirtschaftlicher Schaden durch Verletzung von sozialen und ökologischen Mindeststandards (Bußgelder, Sanktionen, Sachschäden etc.)
  • Reputationsrisiken durch unzureichende Übernahme unternehmerischer Verantwortung (Beispiel: Kik im Zusammenhang mit dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza, Bangladesch2)

Chancen

  • ein proaktives Risiko- und Compliance-Management im Sinne sozialer und ökologischer Mindeststandards 
  • mehr Transparenz und Kontrolle über die eigene Lieferkette 
  • eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit durch eine nachhaltige Lieferkette 
  • eine Stärkung der eigenen Glaubwürdigkeit und des Vertrauens der Konsumenten (durch die geschaffene Transparenz)
  • das Image eines positiven “Corporate Citizens” durch Übernahme unternehmerischer Verantwortung entlang der Lieferkette 

Dieses skizzierte Spannungsfeld aus Chancen- und Risiken stellt Unternehmen in der Praxis vor nicht zu unterschätzende Herausforderungen und Aufgabenstellungen.

Neue unternehmerische Sorgfaltspflichten im Fokus

Um die unternehmerische Verantwortung im Rahmen nachhaltiger Lieferketten greifbarer zu machen, sind in den vergangenen Jahren sogenannte “unternehmerische Sorgfaltspflichten” in den folgenden Bereichen gemäß OECD-Leitfaden3 definiert worden:

  • Achtung der Menschenrechte (z.B. Verbot von Kinderarbeit, Schutz vor Sklaverei und Zwangsarbeit, sozialer Arbeitsschutz etc.)
  • Einhaltung von Umweltstandards, wenn sie zu Menschenrechtsverletzungen führen (z.B. vergiftetes Wasser)
  • Vermeidung von Korruption, Bestechung, Bestechungsgeldforderungen und Schmiergelderpressung 
  • Achtung von Verbraucherinteressen
  • Pflicht zur Offenlegung

In Deutschland wurden die Erwartungen an die unternehmerische Sorgfaltspflicht zur Achtung der Menschenrechte im “nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte” (kurz: NAP) beschrieben, mit dem Ziel, die Menschenrechtslage in den globalen Lieferketten zu verbessern. Die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht beinhaltet gemäß NAP4 die folgenden fünf Elemente bzw. Aufgaben:

  • Verantwortung erkennen
  • Risiken ermitteln
  • Risiken minimieren
  • Informieren und berichten
  • Beschwerde ermöglichen

Was sich in der Theorie so einfach anhört, stellt sich in der Praxis wesentlich anspruchsvoller dar: Eine repräsentative Untersuchung im Juli 2020 im Rahmen des Nationalen Aktionsplans hat gezeigt, dass lediglich zwischen 13 und 17 Prozent der befragten Unternehmen diese Anforderungen des NAP erfüllen.5 

Ein Meilenstein: Verbindlichkeit durch ein Lieferkettengesetz

Um eine höhere Verbindlichkeit der unternehmerischen Sorgfaltspflichten entlang der Lieferkette zu ermöglichen, wird seit ein paar Jahren um eine ganz besondere Lösung gerungen: ein Lieferkettengesetz. Unermüdliche Verhandlungen zwischen Wirtschafts- und Politikvertretern haben im Februar 2021 durch den Beschluss für ein solches Gesetz vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales ihr Ende gefunden. Und damit steht fest: Ein Lieferkettengesetz in Deutschland wird kommen.

Steckbrief zum deutschen Lieferkettengesetz (gemäß Beschluss des Bundestages):6

Name: “Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten zur Vermeidung von Menschenrechtsverletzungen in Lieferketten” (auch: “Sorgfaltspflichtengesetz”)

Ziel:

  • Schaffung von mehr Gerechtigkeit für Arbeitskräfte weltweit und Stärkung der Opfer von Menschenrechtsverletzungen und der Zivilgesellschaft
  • Schaffung von Rechtssicherheit für deutsche Unternehmen
  • Verbindliche Regelung unternehmerischer Sorgfaltspflichten entlang der Lieferkette

 

Inkrafttreten und Betroffene: 

Das Gesetz gilt ab 2023 für Unternehmen ab 3.000 Beschäftigten, ab 2024 auch für Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten. Das deutsche Lieferkettengesetz muss noch im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens beschlossen werden.

Pflichten:

  • Einführung und Umsetzung eines angemessenen und wirksamen Risikomanagements entlang der Lieferkette
  • Durchführung einer Risikoanalyse zur Identifikation besonders hoher menschenrechtlicher und umweltbezogener Risiken
  • Ergreifung von Präventions- und Abhilfemaßnahmen, um Verstößen vorzubeugen
  • Festlegung von Verantwortlichkeiten zur Einhaltung der Sorgfaltspflichten, z.B. ein/e Menschenrechtsbeuaftragte/r
  • Einrichtung eines Beschwerdeverfahrens zur Meldung möglicher Verletzungen bzw. Verstöße
  • jährliche Erstellung und Einreichung eines Berichtes zur Erfüllung der Sorgfaltspflichten 

Ähnlich wie bei der CSR-Berichtspflicht, die in 2017 in Kraft getreten ist, werden durch das deutsche Lieferkettengesetz lediglich Großunternehmen direkt betroffen sein und in die Pflicht genommen. Jedoch ist zu erwarten, dass auch bei diesem Gesetz die schätzungsweise 600 betroffenen Unternehmen in Deutschland7 die Einhaltung der Sorgfaltspflichten an ihre mittelständischen Zulieferer und Dienstleister in der vor- und nachgelagerten Lieferkette weitergeben werden. Und genauso wie schon damals bei der CSR-Berichtspflicht gibt es auch hier zwei Lager am Markt: die einen (z.B. “Initiative Lieferkettengesetz”), die den Gesetzesverstoß im Sinne der nachhaltige Entwicklung als einen zahnlosen Tiger bewerten und die anderen (z.B. Unternehmensverbände wie BDI), die es als eine unverhältnismäßige Zumutung für Unternehmen betrachten. Gleichzeitig haben sich 50 Unternehmen öffentlich in einem Statement8 für eine gesetzliche Regelung ausgesprochen.

Eins steht fest: Das deutsche Lieferkettengesetz wird neue Anforderungen an das Lieferketten-Management sowie die Schaffung von Transparenz und Kollaboration entlang der Lieferkette in die Unternehmen tragen. Die zentrale Herausforderung liegt darin, die erweiterten Sorgfaltspflichten in das bestehende Compliance-Management-System zu integrieren sowie entsprechende Risikoanalysen und Dokumentationen einzuführen. 

Digitale und kollaborative Managementsysteme als Teil der Lösung

Bei der Schaffung von Transparenz entlang eines so komplexen Gebildes wie der Lieferkette, wird man an einer umfassenden Digitalisierung von Prozessen nicht vorbei kommen. Es wird digitale Lösungen brauchen, die Unternehmen in der Praxis dabei unterstützen, ihre Lieferketten kontinuierlich und faktenbasiert zu monitoren. Dazu müssen Daten kollaborativ entlang der Lieferkette erhoben, ganzheitlich ausgewertet und in entsprechende Dokumentationen überführt werden.  

Bei WeSustain, dem Softwareanbieter für verantwortungsvolle Unternehmensführung, hat man diesen Bedarf im Kontext der Nachhaltigkeitsberichterstattung bereits vor 10 Jahren erkannt. “Wir beobachten, dass unternehmerische Nachhaltigkeit zu einer zentralen Managementaufgabe in Unternehmen avanciert ist, die es professionell zu planen, zu steuern und zu kommunizieren gilt. Vielen Unternehmen fehlt jedoch nach wie vor die Orientierung, wie Prozesse effizient und professionell integriert werden können, weg von Excel-Tabellen hin zu smarten und kollaborativen Prozesslösungen. Das gilt auch für das Lieferketten-Management”, betont Markus Bowe, Produktmanager bei WeSustain. Und so bietet WeSustain auf Basis der Enterprise Sustainability Management (ESM) Lösung seinen Kunden bewährte digitale und kollaborative Prozessstrukturen, mit denen sie Transparenz zu nachhaltigkeitsrelevanten Aspekten schaffen. Ein Beispiel für eine solche von WeSustain entwickelte Lösung ist die digitale Plattform “GS1 Ecotraxxfür GS1 Germanyeiner privatwirtschaftlichen Organisation für moderne Kommunikations- und Prozessstandards. Sie dient dem effizienten Austausch von Nachhaltigkeitsinformationen zwischen Herstellern, Lieferanten und Händlern. 

 

Ausblick

Zum aktuellen Stand herrscht ein Flickenteppich an nationalen und branchenspezifischen Standards und Gesetzen zur Regelung der unternehmerischen Sorgfaltspflichten entlang der Lieferkette vor. Dabei gehen Länder in der EU wie die Niederlande oder Frankreich mit ihren bereits verabschiedeten gesetzlichen Regelungen voran, auch wenn diese in der Kritik stehen, nicht weitreichend genug zu sein. Auch die EU-Kommission plant, noch in diesem Jahr ein EU-Gesetz, das Unternehmen haftbar macht, wenn sie Menschenrechte, Umweltstandards und gute Regierungsführung verletzen oder dazu beitragen.9

Am Ende liegt der Schlüssel für eine vollumfängliche Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Lieferketten in der Digitalisierung und Big Data. Es braucht innovative und digitale Tools, die Unternehmen bei dieser neuen Management-Herausforderung unterstützen. Dabei wird für das Lieferketten-Management die Blockchain-Technologie hoch gehandelt. Denn sie könnte es künftig möglich machen, dass Daten entlang der Lieferkette verlässlich erhoben sowie belastbar verifiziert und verschlüsselt abgesichert werden.10

Fußnoten zum Themenspecial: „Nachhaltige Lieferketten auf dem Vormarsch“:

1 Vgl. BMAS: LINK,
2 Vgl. “Kik-Textilien in eingestürztem Fabrikgebäude”:LINK, vom 2.5.2013.
3 Vgl. OECD: “OECD-Leitfaden für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht für verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln”, S. 10.
4 Vgl. BMAS:  LINK, abgerufen am 14.3.2021.
5 Vgl. Referentenentwurf des BMAS “Gesetz über die unternehmerische Sorgfaltspflichten in Lieferketten” vom 15.2.2021
6 Vgl. CSR in Deutschland: LINK, abgerufen am 14.03.2021.
7 Vgl. Tagesschau:LINK
8 Vgl. LINK, abgerufen am 16.03.2021
9 Vgl. EU-Parlament: LINK, abgerufen am 16.03.2021.
10 Vgl. CHE Manager: “Mehr Transparenz durch digitale Lieferketten” LINK, abgerufen am 11.03.2021.

26 Nov 2020

17 globale Nachhaltigkeitsziele und 5 bis 7 Billionen US Dollar pro Jahr um diese zu erreichen. Die Sustainable Development Goals und ihre Finanzierung fordern Gesellschaften, Realwirtschaft und Kapitalmarkt heraus. Der “SDG Investment Case” soll die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit schließen.

von Marie-Lucie Linde, freie Mitarbeiterin bei WeSustain und Beraterin für nachhaltige Unternehmensführung

Auf dem SDG Business Forum in 2017 haben führende Wirtschaftsorganisationen, Institutionen und Netzwerke des privaten Sektors die Bedeutung der Sustainable Development Goals (kurz: SDGs) der Vereinten Nationen für die Wirtschaft auf den Punkt gebracht: „Die SDGs bieten allen Unternehmen eine neue Linse, durch die sie die Bedürfnisse und Ambitionen der Welt in Geschäftslösungen umsetzen können (…).1

Doch die SDGs sind nicht nur für Unternehmen von zentraler Bedeutung. Sie sind zu einem universellen Rahmen geworden, der alle Akteure der Weltgemeinschaft auf ein klares und in dieser Form noch nie dagewesenes Zielbild zur Bewältigung der drängendsten weltweiten Probleme wie Armut, Hunger und den Klimawandel einschwört. Dabei spielen neben den Unternehmen vor allem auch der Privatsektor des Finanzmarktes eine ganz zentrale Rolle. Wir fragen uns in diesem Themenspecial daher, welche Relevanz die SDGs für Investoren haben und was sich hinter dem sogenannten “SDG Investment Case” verbirgt.

Die SDGs – ein universelles Zielbild für die Welt

Die Agenda 2030 der Vereinten Nationen und mit ihr die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) wurden von der globalen Staatengemeinschaft – Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen – in 2015 verabschiedet. Ein internationaler Durchbruch ohnegleichen und längst überfällig für die nachhaltige Entwicklung, betonte auch der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon: „Wir können die erste Generation sein, der es gelingt, die Armut zu beseitigen, ebenso wie wir die letzte sein könnten, die die Chance hat, unseren Planeten zu retten.2

Die 17 Nachhaltigkeitsziele stellen eine universelle Agenda zur Bewältigung der drängendsten Probleme des 21. Jahrhunderts dar und zeichnet ein klares Zielbild einer lebenswerten Welt in 2030. Mit ihren insgesamt 169 Unterzielen geben die SDGs der Weltgemeinschaft einen Rahmen mit klaren Zielvorgaben und Handlungsfeldern, auf die es hinzuwirken gilt. Die SDGs sind somit ein “Call to action”, um ein neues und tragfähiges Modell für die Zukunft zu schaffen, indem Wirtschaftswachstum erreicht wird, ohne dabei unsere Umwelt zu gefährden oder andere Gesellschaften ungerechte Belastungen aufzuerlegen. Dabei geht dieser Ruf ausnahmslos an alle Marktakteure: 

  • an ganze Staaten, die mithilfe ihrer nationalen Nachhaltigkeitsstrategien die politischen Rahmenbedingungen und Anreize schaffen sollen
  • an Unternehmen, die mit nachhaltigen Geschäftslösungen einen Beitrag zur Bewältigung der konkreten Probleme wie Klimawandel, Armut und Ungleichheiten leisten sollen sowie 
  • an Investoren vor allem aus dem Privatsektor, die die SDGs als Leitlinie für verantwortungsvolles Investieren heranziehen sollen, um so die notwendige Finanzierung der SDGs zur Verfügung zu stellen.

SDG Goals

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 1: Die 17 Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen

Die SDGs und der Kapitalmarkt

Um die SDGs Realität werden zu lassen, braucht es Expertenmeinungen zufolge etwa 5 bis 7 Billionen US Dollar an Investment pro Jahr. Wenn man jedoch die aktuelle Situation betrachtet, dann klafft eine erhebliche Lücke zwischen, dem was gebraucht wird, um die SDGs zu erreichen, und dem, was derzeit an finanziellen Mitteln zur Verfügung steht. ExpertInnen sprechen in diesem Kontext von der sogenannten “SDG-Finanzierungslücke” (engl. “SDG funding or financing gap”), die es von 2015 bis 2030 zu schließen gilt3. Doch wer soll diese Lücke schließen und wie? 

Spätestens mit dieser Frage haben die SDGs – neben Regierungen weltweit – den Kapitalmarkt erreicht. Denn vor allem die private Finanzierung und privates Kapital bergen das Potenzial, die SDG-Finanzierungslücke zu schließen. Und so geht der Appell an Investoren, ihre Investitionsströme auf die neuen innovativen Produkte und Dienstleistungen umzulenken, die sich auf die Erreichung der SDGs konzentrieren. “Im Gegensatz zum ESG-Ansatz trägt die Fokussierung auf die SDGs zur aktiven Lösung von Problemen bei. Deswegen betreiben wir die SDG INVESTMENTS Plattform, die sich ausschließlich auf die Vermittlung von Finanzierungen für Unternehmen konzentriert, deren Dienstleistungen und Produktlösungen einen positiven Beitrag zu den SDGs haben”, betont Frank Ackermann, Managing Partner bei SDG Investments. Die “Business & Sustainable Development Commission” als auch die Initiative “United Nations Principles for Responsible Investment” (kurz: UN PRI) betonen ebenfalls, dass es für Investoren des privaten Sektors einen klaren “SDG Investment Case” gibt: Die SDGs könnten nämlich allein in den Bereichen Nahrungsmittel, Landwirtschaft, Städte und Kommunen, Energie und Rohstoffe sowie im Gesundheitswesen Marktchancen in Höhe von bis zu 12 Billionen US Dollar eröffnen und bis 2030 380 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen.4 

Zudem besagt die Treuepflicht des 21. Jahrhunderts, dass Investoren als Teil ihrer Pflicht gegenüber Begünstigten alle finanziell materiellen Faktoren zu berücksichtigen haben, unabhängig von ihrer Herkunft.5 Das bedeutet, dass neben den rein finanziellen eben auch die Umwelt-, Sozial- und Governance-Fragen (ESG-Kriterien) bzw. Risiken bei den Finanzanalysen und Portfolio-Aufbaustrategien eine zentrale Rolle spielen müssen. Das derzeit prominenteste Beispiel ist die Integration von klimabezogenen Risiken in bestehende Risikoprozesse, wie es u.a. die BaFin in ihrem Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken empfiehlt. Und so definiert die Initiative UN PRI verantwortungsvolle Investitionen als eine Strategie und Praxis zur Einbeziehung von ESG-Faktoren in Investitionsentscheidungen. Und gleichzeitig bekennen sich die UN PRI-Unterzeichner in der Präambel zu den “6 Prinzipien für verantwortungsvolles Investieren” klar zu den SDGs: „Wir erkennen an, dass die Anwendung dieser Grundsätze die Investoren besser mit den umfassenderen Zielen der Gesellschaft in Einklang bringen kann.” Weiter betont UN PRI in seiner Veröffentlichung “The SDG Investment Case” aus dem Jahr 2017, dass noch nie zuvor diese „umfassenden Ziele der Gesellschaft“ klarer definiert wurden, als in den SDGs.6

UN PRI prägt den „SDG Investment Case“

Die Initiative der Vereinten Nationen “UN PRI” prägt mit ihren “6 Prinzipien für verantwortungsvolles Investieren” und ihrer klaren Haltung maßgeblich den aktuellen Diskurs rund um den „SDG Investment Case“. Die über 2.400 Unterzeichner der Prinzipien verpflichten sich gemeinsam einer ambitionierten Mission: “Wir glauben, dass langfristige Wertschöpfung nur in einem wirtschaftlich effizienten, nachhaltig gestalteten globalen Finanzsystem möglich ist. Ein derartiges System wird langfristige, verantwortungsvolle Investitionen belohnen und sowohl Umwelt als auch der Gesellschaft als Ganzes zugutekommen.

Konsistent zu dieser Mission bringt die UN PRI mit ihrer Arbeit, ihren Ausführungen und ihrem Framework u.a. in Partnerschaft mit der “UN Alliance for SDG Finance” auch den „SDG Investment Case“ voran und appelliert Investoren gegenüber unermüdlich zu  wirkungsorientierten Strategien. Mit der Veröffentlichung “The SDG Investment Case“ prägt UN PRI die Argumente für das verantwortungsvolle Investieren im Sinne der SDGs und gibt eine Antwort auf die Frage, warum die SDGs für die Anlagestrategien, die Asset Allokation und Investitionsentscheidungen so relevant sind.

Dabei stehen 5 Argumente im Fokus7:

  1. Die SDGs sind der weltweit vereinbarte Nachhaltigkeitsrahmen, den es bis 2030 zu finanzieren gilt, indem Gelder in langfristig und nachhaltig wirtschaftende Unternehmen und Ökonomien investiert wird.
  2. Die SDGs gehören zur treuhänderischen Verantwortung, da sie Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien (kurz: ESG) global konkretisieren.
  3. Die SDGs werden das Weltwirtschaftswachstum vorantreiben und enorme Marktchancen hervorbringen.
  4. Die SDGs eignen sich zum mikroökonomischen Risikomanagement, indem sie externe Kosten und deren finanzielle Materialität aufzeigen und somit die ESG-Risiko-Frameworks bei Investoren stärken.
  5. Die SDGs lassen sich bei verschiedenen Anlageklassen in ein Leitfaden für die Kapitalallokation übersetzen, da immer mehr Unternehmen ihre Geschäftsmodelle auf die SDGs ausrichten.

Diese Argumentation ist für die meisten Investoren nachvollziehbar, weswegen viele die Rolle der SDGs für die Entwicklung einer verantwortungsvollen Investitionsagenda für die nächsten 10 Jahre als zentral ansehen. Und dennoch steckt der „SDG Investment Case“ bei vielen noch in den Kinderschuhen: Viele Investoren haben noch keine Antwort auf die Frage, ob und wie die SDGs ihre Investitionsstrategie, Politik, Vermögensallokation und andere Investitionsentscheidungen beeinflussen werden. Einen Beitrag zur Beantwortung dieser Frage soll die geplante EU-Taxonomie leisten. “Für jede Industrie definiert die Taxonomie Kriterien für klimafreundliche Maßnahmen zur Vermeidung von Emissionen (Mitigation) oder zur Anpassung (Adaptation), wie bspw. Emissionslimits bei Autos oder grüne Stahlverfahren in der Stahlherstellung. Investoren, die Maßnahmen finanzieren und diese Kriterien einhalten, können ihr Investment als grün markieren und Taxonomie-konform nennen.”9

Die Rolle von Big Data für den „SDG Investment Case“

In der Realwirtschaft und am Kapitalmarkt nutzen immer mehr Akteure die SDGs als Framework, um die Wirkung von Nachhaltigkeits- oder ESG-Maßnahmen messbar zu machen. Und dort, wo das Wort “Messbarkeit” anklingt, ist auch das Thema “Big data” nicht weit entfernt. Und so stellen auch in diesem Kontext Daten ein zentrales Transformationspotenzial dar. “Neue Datenquellen wie z.B. Satellitendaten, neue Technologien und neue analytische Ansätze können, wenn sie verantwortungsbewusst eingesetzt werden, eine agilere, effizientere und evidenzbasierte Entscheidungsfindung ermöglichen und die Fortschritte bei der Verwirklichung der Ziele der nachhaltigen Entwicklung (SDGs) besser messen, und zwar auf eine Weise, die sowohl integrativ als auch fair ist”, unterstreichen die Vereinten Nationen in ihrem Statement “Big Data for Sustainable Development”. 

Und auch hier spielt der private Sektor, wie auch am Kapitalmarkt zur Schließung der SDG-Finanzierungslücke, eine zentrale Rolle. Denn viele Daten werden derzeit durch den privaten Sektor erhoben. Arturo Martinez, Statistiker in der Abteilung für Wirtschaftsforschung und regionale Zusammenarbeit, und Jose Ramon Albert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am “Philippine Institute for Development Studies” beschäftigen sich in ihrem Blog-Beitrag “Big Data can transform SDG performance” mit den Chancen und Herausforderungen in der Wirkungsmessung der SDGs. Ihre aktuelle Einschätzung ist: “Die Ziele für nachhaltige Entwicklung bieten spezifische, zeitgebundene und quantifizierbare Ziele, die mit den nationalen Entwicklungsplänen und Prioritäten übereinstimmen. Angesichts der über 230 Indikatoren für nachhaltige Entwicklung – von denen viele nach Ort, Geschlecht, Alter, Einkommen und anderen relevanten Dimensionen aufgeschlüsselt werden müssen – ist es für die nationalen Statistiksysteme (NSS) jedoch nicht einfach, die notwendigen granularen Daten zur Überwachung aller Indikatoren und Ziele zu sammeln.10

Der Trend hin zu “Big Data”, den auch die beiden Wissenschaftler beschreiben, spielt der Wirkungsmessung im Sinne der SDGs somit in die Karten: Die enorme Datenmenge, die durch zunehmend digitalisierte Prozesse und moderne Technologien wie Softwarelösungen im privaten Sektor entsteht, kann die Basis für eine belastbare Messung schaffen. Und so beginnen erste Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit und ihr zusätzliches Engagement auf diese 17 SDGs zu matchen und konkret zu schauen, auf welches der Ziele sie einen messbaren Beitrag leisten können. Das Impact Measurement entlang der SDGs, wie auch der „SDG Investment Case“, befindet sich jedoch noch in den Kinderschuhen. In der Praxis mangelt oftmals noch an den verlässlichen Management-Tools, um die relevanten Daten für eine Wirkungsmessung zu erheben und zu analysieren. Der Softwareanbieter für verantwortungsvolle Unternehmensführung – WeSustain – als ein Beispiel hat dieses Bedürfnis der Unternehmen erkannt und unterstützt mit der “Impact Management Software” Unternehmen bei der Professionalisierung ihrer betrieblichen Wirkungsmessung entlang der SDGs. Mithilfe zahlreicher Funktionen können Nutzer hier Daten zuverlässig erheben, die Wirkung einzelner Projekte mithilfe von Zielen wie den SDGs auswerten und Berichte erstellen.

Die SDGs als Richtungsgeber für eine nachhaltige Transformation

Der hier gezeichnete und von der Initiative der UN PRI geförderte “SDG Investment Case” zeigt, dass wir in Sachen nachhaltiger Entwicklung gereift sind: Raus aus dem Zeitalter des “do no harm”, in das Zeitalter des “real-world impacts”11. Dabei zeigt sich zunehmend, dass für Investoren “doing safe by doing good” in Form einer proaktiven ESG-Strategie ein Erfolgsfaktor ist. Die Ausrichtung auf die SDGs birgt dabei – sowohl für Realwirtschaft als auch für Investoren – immense Marktchancen. Aber nur wenn wir es schaffen, die Finanzierungslücke zu schließen, sprich Kapital und nachhaltige Geschäftslösungen für die Bewältigung der in den SDGs adressierten drängendsten Probleme der Welt zusammenzubringen. Dabei werden Kapitalströme aus dem Privatsektor von entscheidender Bedeutung sein, weswegen man gespannt auf die sich konkretisierende EU-Taxonomie blicken kann. Zur Umsetzung der SDGs werden zudem Big Data und smarte datenbasierte Tools zum neuen Standard werden, damit der “real-world impact” im Sinne der SDGs in Zukunft steuerbar, messbar und transparent wird. Nur so können wir konkret auf das Zielbild 2030 hin steuern und arbeiten.

Fußnoten zum Themenspecial: „Mit dem “SDG Investment Case” die Lücke schließen“:

1 Vgl. LINK, abgerufen am 05.11.2020.
2 Vgl.  LINK, abgerufen am 14.11.2020.
3 Vgl. UNPD (2017):  LINK, abgerufen am 14.11.2020.
4 Vgl. UNPD (2017):  LINK, abgerufen am 14.11.2020.
5 Vgl. UN PRI (2017): ““SDG Investment Case“”: LINK, abgerufen am 02.11.2020.
6 Vgl. UN PRI (2017): ““SDG Investment Case“”: LINK, abgerufen am 02.11.2020.
7 Vgl. Susanne Bergius im Handelsblatt (2018): “Nachhaltige Investments – UN-Ziele zum Investmentfall machen”. S. 3.
8 Vgl. Dr. Matthias Kannegiesser – sustainable natives eG (2020): LINK, abgerufen am 14.11.2020
9 Vgl. UN, LINK, abgerufen am 14.11.2020.
10 Vgl. Asian Development Blog (ADB): LINK, abgerufen am 14.11.2020.
11 Vgl. UN PRI: LINK, abgerufen am 14.11.2020.

29 Jul 2020

Unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Politik steht vor noch nie dagewesenen Herausforderungen. Der Grund: Ein Virus namens Corona. Gleichzeitig beschleunigt es einen Wandel hin zu mehr Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Wie das Coronavirus Unternehmen in diesem Kontext herausfordert und wo WeSustain unterstützen kann.

von Marie-Lucie Linde

Covid-19, Sars-CoV-2 oder Corona. Drei Begriffe, die Bezug nehmen auf ein und dasselbe Virus, das seit diesem Frühjahr die Weltgemeinschaft in eine Ausnahmesituation sondergleichen gestürzt hat. Eben ein Virus mit großer Wirkung. Vom tragischen Verlust von Menschenleben über Social Distancing und das Tragen von Mundschutz in der Öffentlichkeit bis hin zum Stillstand ganzer Wirtschaftszweige (Autoindustrie, Tourismus etc.), das Virus hat unsere Gesellschaft und Wirtschaft auf den Kopf gestellt und unwiderruflich verändert. In Anbetracht des hohen Verlustes von Menschenleben durch Corona, ist es fast anmaßend, der Krise etwas Positives abgewinnen zu wollen. Doch es ist menschlich, in der Krisenhaftigkeit etwas Positives zu suchen, um das Leid und die Veränderungen akzeptieren zu können. Und so fragen sich viele Unternehmerinnen und Unternehmer: Welche Veränderungen oder Entwicklungen möchte ich für mein Unternehmen aus dieser Krise in Zukunft positiv fortschreiben? Welche neuen Anforderungen hat Corona in mein Unternehmen getragen? Zudem soll dieses Themenspecial „Corona, ein Virus mit großer Wirkung für die Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ aufzeigen, welche dieser neuen Anforderungen Unternehmen mit den Lösungen von WeSustain begegnen können?

Von der Existenznot, über stillstehende Maschinen bis hin zu Geister-Büros 

Jedes Unternehmen ist in der ein oder anderen Form durch Corona betroffen und herausgefordert. Die Meldungen über Großkonzerne (z.B. Lufthansa) und ganze Branchen (Gastronomie und Tourismus), die um ihre Existenz bangen, häufen sich. Pleiten und Insolvenzen werden zum Massenphänomen. Nur durch die, von der Politik kurzfristig geschnürten, Soforthilfepakete wird der wirtschaftliche Kollaps vermieden, auf nationaler als auch auf europäischer Ebene. Doch noch heute stehen in einigen Unternehmen der Betrieb als auch die Maschinen still, trotz Lockerungsmaßnahmen. 

Die Unternehmen, die während der Krise ihren Betrieb aufrecht halten konnten, blicken ihrerseits in Geister-Büros. Nur vereinzelt kehren die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus dem Homeoffice – dort wo es möglich ist – wieder in die Büros zurück. Leere Schreibtische, stille Flure und kleine Meetings mit Abstandsregelungen oder aber Videokonferenzen prägen das Bürobild und den Unternehmensalltag. Doch das Coronavirus hat nicht nur den betrieblichen Alltag verändert, es hat auch ganz neue operative Anforderungen mit sich gebracht: von einer anderen Form der Zusammenarbeit, der zunehmenden Digitalisierung über neue Anforderungen an das Supply-Chain-, Compliance- und Risikomanagement – sprich einer erweiterten Betreiberverantwortung – bis hin zu neuen Forderungen an die Finanzkommunikation von Unternehmen. Während auch WeSustain, als Softwareanbieter für die verantwortungsvolle Unternehmensführung, durch Corona herausgefordert ist, hat sich in diesen besonderen Zeiten der Austausch mit Kunden intensiviert. Denn sie alle sind auf der Suche nach Lösungen, um den neuen operativen Herausforderungen Herr zu werden. 

Digital und analog: Geht doch! 

In der Theorie sollte sich jedes Unternehmen im Zeitalter der Digitalisierung an die analoge und digitale Zusammenarbeit gewöhnt haben. In der Praxis war bis vor Kurzem das Gegenteil noch gelebte Realität: Die Möglichkeit aus dem Homeoffice heraus zu arbeiten oder aber mit Kunden oder Partnern via Teleconferencing zu tagen, war selbst im Jahr 2020 in vielen Unternehmen entweder vermieden oder aber rar gesät. Zu klein war der Glaube daran, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Homeoffice tatsächlich produktiv seien. Und auch Dienstreisen zu Kunden oder Partnern waren ein Muss, wenn nicht sogar ein Statussymbol für den persönlichen oder aber unternehmerischen Erfolg.

Corona hat nun den Beweis angetreten, dass eine digitale Zusammenarbeit aus dem Homeoffice heraus in Unternehmen funktioniert. Gesamte Belegschaften wurden aufgrund der Ansteckungsgefahren nach Hause geschickt und mit der entsprechenden Hard- und Software ausgestattet. Mal die Liquiditätseinbußen durch eine eingebrochene Auftragslage oder die heimische Herausforderung der Kinderbetreuung außer Acht gelassen, waren vor allem nicht produzierende Unternehmen so weiter arbeitsfähig. So ist auch WeSustain als Softwareentwickler ohne eine physische Produktion durch die neue Situation herausgefordert, doch weiter arbeitsfähig. Ausschlaggebend dafür: WeSustain setzt seit Beginn an überwiegend auf digitalisierte Arbeitsprozesse und dezentrale Strukturen der Zusammenarbeit und kann daher so – auch in Zeiten von Corona – den Geschäftsbetrieb und die Softwareentwicklung aus dem Homeoffice heraus aufrecht halten. 

Der Gesetzgeber hat seinen nötigen Beitrag geleistet, diese Veränderung in der Zusammenarbeit zu beschleunigen: So dürfen z.B. Vorstands-, Aufsichtsrats- oder aber Aktionärsversammlungen jetzt und in Zukunft online stattfinden. Eine Veränderung und neue Haltung zur effektiven Zusammenarbeit in Unternehmen, die die Arbeitswelt von heute und morgen prägen wird: Statt Misstrauen und Kontrolle, setzt sich Vertrauen und Eigenverantwortlichkeit als Unternehmenskultur durch. Definitiv ein positiver Effekt der Krise.

Der schlafende Riese ist endlich erwacht

Die Corona-Krise hat einen weiteren Effekt: Sie hat der Digitalisierung in Unternehmen einen immensen Schub gegeben und das bisher unmöglich Geglaubte, in kürzester Zeit möglich gemacht. Denn auf einmal haben Unternehmen und Verwaltungen ihre Arbeitsprozesse umfänglich digitalisiert, weil sie sonst nicht mehr handlungsfähig gewesen wären. Hier einige Beispiele aus Branchen, die vorher viel diskutierte und zum Teil kritisierte digitale Lösungen nun einsetzen: 

  • das Gesundheitswesen, das sich der Telemedizin und digitalen Sprechstunden bedienen
  • die Hochschulen, die ganze Curricula in Online-Vorlesungen umgestalten
  • die Immobilienbranche, die Online-Besichtigungen und digitale Tools für das Matchen von Immobilie und Mieter/Käufer einsetzen1
  • die Politik mit dem vielleicht prominentesten Beispiel in Form der Corona-App

Die Krise hat vermeintliche Blockaden für mehr Digitalisierung in Unternehmen gelöst und so den Weg für einen Wandel bereitet. Gleichzeitig hat sie gezeigt und transparent gemacht, wo es die deutsche Wirtschaft in Sachen Digitalisierung versäumt hat, aktiv zu werden. Vor allem im Bereich IT-Sicherheit hat Deutschland akuten Nachholbedarf, was der Vorfall in Nordrhein-Westfalen im Zusammenhang mit den Vergabe der Soforthilfe-Gelder aufgezeigt hat. “Aktuell zeigt sich, dass, wer bei der Digitalisierung schon sehr weit war, durch Corona am wenigsten eingeschränkt wurde und schnell in eine neue Arbeitsweise gefunden hat. Egal ob Homeoffice, digitale Schule oder digitale Verwaltung: Überall, wo die digitale Transformation schon weit war, konnte man nahtlos in einen neuen Modus kommen. Gerade die Digitalunternehmen, beispielsweise der Online-Handel, haben momentan die wenigsten Probleme”2, betont Christopher Meinecke, ausgewiesener Experte für Digitalisierung und Leiter des Bereichs „Digitale Transformation“ beim Bundesverband Informationswissenschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) in Berlin. Der Meinung ist auch Manfred Heil, Geschäftsführer bei WeSustain: “Nicht erst seit Corona wissen wir bei WeSustain, dass eine Professionalisierung von betrieblichen Prozessen vor allem digital und kollaborativ ist. Das gilt im Bereich des Nachhaltigkeits-, ESG-, Compliance– und Audit-Managements genauso wie für alle anderen Unternehmensbereiche. Deswegen entwickeln wir Softwarelösungen, die digitale Strukturen  in Unternehmen etablieren und Mitarbeitern eine kollaborative Plattform bieten, um an gemeinsamen Projekten zu arbeiten.” 

So wie auch Meinecke, sehen einige weitere führende Experten die Gefahr, dass diese Entwicklung hin zu mehr Digitalisierung nur ein Einmaleffekt bleiben könnte und auch die Investitionsbereitschaft in die konsequente Digitalisierung durch die Kosten der Krise geschmälert werden könnte. Sie rufen daher auf, den neuen Schwung in Sachen Digitalisierung konsequent mit in die Zukunft zu tragen.3

Glokalisierung als neue Maxime  

Neben den Digital-Experten, schauen führende Zukunftsforscher vor allem auf globale Wertschöpfungsketten und das Supply-Chain-Management von Unternehmen. Das Brennglas “Corona” macht auch hier eine Schwachstelle sichtbar: Denn globale Lieferketten sind fragil und bergen das Risiko, dass sie bei Lieferengpässen oder kompletten Lieferausfällen zusammenbrechen. Der Ruf nach “Glokalisierung” – sprich einer Globalisierung mit stärkeren lokalen und regionalen Komponenten – wird daher immer lauter. Ziel soll es sein, dass z.B. die europäischen Länder ihre Produkte vor allem innerhalb der EU fertigen und lagern, um so zum einen Transportwege zu verkürzen und Emissionen einzusparen als auch zum anderen die Abhängigkeit von rein global organisierten und outgesourcten Lieferketten zu verringern. Auch hier spielen die Digitalisierung und neue Technologien sowie Softwarelösungen eine besondere Rolle: “Gerade das Supply-Chain-Management ist komplex und birgt besondere Herausforderungen an konsistente Daten und ihre Transparenz. Mithilfe unserer WeSustain-Software, unterstützen wir Unternehmen Nachhaltigkeitsrisiken, die jetzt durch die Krise verstärkt in den Fokus gerückt sind, entlang der Lieferkette systematisch zu erkennen und zu steuern”, erzählt Manfred Heil. 

Corona bestärkt somit die Forderung nach einer digitalen Transformation, um dezentrale und lokale Prozesse sinnstiftend und wertschöpfend mit globalen Prozessen zu vernetzen. Ein Beispiel das dies gelingen kann, ist die additive Fertigung, die das digitale Entwickeln aber lokale Produzieren von Produkten schon heute möglich macht. Doch nicht nur die Digitalisierung, auch das Vorantreiben der Kreislaufwirtschaft spielt im Zusammenhang der “Glokalisierung” eine zentrale Rolle. Denn nur, wenn Ressourcen in einem Kreislaufsystem wieder der Wertschöpfungskette zugeführt werden, können Unternehmen sich von globalen Lieferketten künftig emanzipieren.4  

Neuland: Nichtfinanzielle Risiken und erweiterte Betreiberverantwortung

In Zeiten der Corona-Pandemie sind einmal mehr die Risiko- und Compliance-Manager in den Unternehmen gefragt. Denn sie sind es, die derzeit mit zahlreichen Zusatzaufgaben (z.B. Business Continuity Management oder aber Ad-hoc Meldungen veröffentlichen), einen zentralen Beitrag leisten, um den Schaden für Unternehmen zu begrenzen. Dabei hat Corona vor allem neue Risiken aufgetan, die ein Zurückgreifen auf bewährte Steuerungsinstrumente nur bedingt möglich macht. Denn sie haben ihre Ursache überwiegend im Bereich “Non financial Risk”. Beispiele für diese Form von Risiken sind Reputationsrisiken, IT-Systemausfälle (Cybercrime) und IT-Sicherheitsrisiken oder aber Nachhaltigkeits- bzw. ESG-Risiken. Das Risiko- und Compliance-Management in Zeiten von Corona ist daher für viele Neuland.5 

Neben der Sicherung der wirtschaftlichen Existenz, sind vor allem die Compliance-Abteilungen der Unternehmen derzeit damit beschäftigt, die vollständige Rechtssicherheit mit neuartigen länderspezifischen und behördlichen Maßnahmen – vor allem in Bezug auf das Infektionsschutzgesetz – zu gewährleisten. Denn in diesen Maßnahmen liegen einige Sanktionsrisiken verborgen: So zum Beispiel das Risiko zur Zahlung horrender Bußgelder bei Verstoß gegen die Anordnung zur Schließung der Betriebsstätte, um nur ein Beispiel zu nennen. Die besondere Herausforderung liegt vor allem darin, sich über die rasant verändernden, zum Teil im Eilverfahren erlassenen, behördlichen Anordnungen stets informiert zu halten und diese adäquat umzusetzen, um eben die Rechtssicherheit für das Unternehmen zu garantieren.6 Eine Stütze kann hier eine zuverlässige Softwarelösung, wie die “Enterprise Compliance Management” (ECM) Lösung von WeSustain sein, in der u.a. relevante Rechtskataster stets aktualisiert und Anwender über die Aktualisierung umgehend informiert werden, sodass Compliance-Manager schnell und rechtssicher reagieren können.  

In Expertenkreisen ist man sich einig, dass der professionelle Umgang mit der Corona-Pandemie, in die Betreiberverantwortung von Unternehmen fällt. Denn sie umfasst unlängst nicht mehr nur das verantwortungsvolle Betreiben von technischen Anlagen und dem gesetzeskonformen Gebäudebetrieb, sondern eben auch die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers für seine Mitarbeiter in Form von Gesundheits- und Arbeitsschutzmaßnahmen (Stichwort: HSE bzw. EHS). Diskutiert wird jedoch noch, was die Auslagerung der Verantwortung weg von der Privatperson (MitarbeiterIn) auf eine privatwirtschaftliche Ebene (Unternehmen) außerhalb solcher Ausnahmeereignisse wie die Corona-Pandemie für die Betreiberverantwortung und Legal Compliance bedeutet.7

Nachhaltigkeit bahnt sich ihren Weg in die Investor Relations

Und auch die Finanzkommunikation der Unternehmen erfährt durch die Corona-Krise einen Schub, und zwar in Richtung Nachhaltigkeit. Auch wenn das Thema “Green Finance” oder aber “Sustainable Finance” für viele Investor-Relations-Abteilungen noch Neuland ist, steht es jetzt aufgrund kommender Regulierung, aber auch durch die Corona-Krise, ganz oben auf der Agenda. Die Forderung am Kapitalmarkt wird immer lauter, die Nachhaltigkeitsabteilung, die sich vor allem um das Management und die Kommunikation von nichtfinanziellen Aspekten (ESG) des Unternehmens kümmert, näher an die Investor-Relations-Abteilung heranzuführen. Und auch für diese Abteilungen werden künftig digitale Datenmanagement- und Reporting-Prozesse, wie die ESG-Lösung oder aber die “Enterprise Sustainability Management” (ESM) Lösung von WeSustain, unabdingbar: “Wir arbeiten eng mit Stakeholdern aus dem Finanzmarkt zusammen, die uns konkret schildern, welche neuen Anforderungen an die Finanzkommunikation durch digitalisierte Prozesse vereinfacht werden können”, berichtet Dr. Manfred Heil von WeSustain.

Nicht zuletzt die finanziellen Konjunkturpakete auf nationaler als auch auf europäischer Ebene, haben den Stellenwert der nachhaltigen Transformation festgeschrieben. Der Wiederaufbau Europas nach Corona – u.a. durch den “Green Deal” – ist für viele eine historische Chance, den Klimaschutz voranzutreiben und die Investitionen in “dreckige” Investments konsequent zu reduzieren. Das zentrale Anliegen soll es sein, dieses Mal das Geld nicht wieder, wie nach der Finanzkrise 2008, zu einem großen Teil in klimaschädliche Sektoren zu lenken, sondern vor allem in die Dekarbonisierung der Wirtschaft. Somit haben Unternehmen, die auf nachhaltige Geschäftsstrategien und eine ganzheitliche und transparente nichtfinanzielle Berichterstattung über ihre Investor Relations setzen, in Zukunft einen klaren Wettbewerbsvorteil am Markt.

Und was bleibt am Ende? 

Die Corona-Krise hat vieles verändert: Menschen, ganze Gesellschaften aber auch Politik und Wirtschaft. Das Miteinander im Privaten aber auch im Beruflichen hat sich gewandelt. Die Ausnahmesituation ausgelöst durch ein Virus, hat Veränderungsprozesse hin zu mehr Digitalisierung und Nachhaltigkeit augenscheinlich beschleunigt und das bisher Unmögliche möglich gemacht. Doch ob Unternehmen diese Veränderungen bzw. Entwicklung nun auch in die Zukunft fortschreiben, bleibt abzuwarten und hängt von den Lösungen ab, die ihnen dazu bereitstehen. “Wir sind davon überzeugt, dass wenn Unternehmen nun Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitsinitiativen, z.B. durch unsere IT-Plattformen, zusammenführen, sich die Wechselwirkung zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit effizient und sinnstiftend gestalten lässt”, sagt WeSustain-Geschäftsführer, Manfred Heil. Die Hoffnung herrscht somit vor, dass Unternehmen auch nach der akuten Pandemie, das “neue Normal” proaktiv im Sinne einer nachhaltigen und digitalen Transformation weiter gestalten. Die Weltgemeinschaft hat jetzt die einmalige Chance, einen neuen Weg einzuschlagen.

Fußnoten zum Themenspecial: „Corona, ein Virus mit großer Wirkung für die Digitalisierung und Nachhaltigkeit“:

1 Vgl. WELT AM SONNTAG: “Plötzlich schafft Deutschland, was bisher unmöglich schien” LINK, abgerufen am 05.07.2020.

2 Vgl. idowa: “Digital-Experte im Interview. Befeuert das Coronavirus die Digitalisierung?” LINK, abgerufen am 05.07.2020.

3 Vgl. WELT AM SONNTAG: “Plötzlich schafft Deutschland, was bisher unmöglich schien” LINK, abgerufen am 05.07.2020.

4 Vgl. LOGISTIK Express: “‘Glokalisierung’ als Antwort auf Corona” LINK, abgerufen am 05.07.2020.

5 Vgl. Haufe: “Risikomanagement und Coronavirus – worauf es jetzt ankommt” LINK, abgerufen am 07.07.2020.

6 Vgl. Haufe: “Neue Compliance-Risiken für Unternehmen in Zeiten der Corona-Pandemie.” LINK, abgerufen am 09.07.2020.

7 Vgl. Weka Akademie: “Hat Corona etwas mit Betreiberverantwortung zu tun?” LINK, abgerufen am 09.07.2020.

25 Mrz 2020

Private Markets: Dekade mit neuem Imperativ und ESG als Gebot der Stunde

Private Markets treten aus einer prosperierenden Dekade in eine Dekade des Wandels. Bisher erfolgreiche Strategien müssen auf Nachhaltigkeitsrisiken und somit auf ihre licence-to-operate hin überprüft werden. Welche Trends (z.B. ESG) in der neuen Dekade private Märkte prägen, lesen Sie in unserem Trendbericht.

von Marie-Lucie Linde

Private Markets blicken auf eine Dekade der Prosperität und des stetigen Wachstums zurück. In den vergangenen Jahren haben sich jedoch Entwicklungen aufgetan, die eine neue Dekade des Wandels ankündigen und führende Akteure an den privaten Märkten zu der Frage bringen: Wie kann eine neue Wachstumsformel in Zeiten des Klimawandels und globaler Nachhaltigkeitsziele (kurz: SDGs) aussehen?

Eine neue Ära für Private Markets

Schaut man sich die privaten Märkte – sprich Kapitalanlagen wie Private Equity, Private Debt, Infrastruktur- und Immobilienprojekte – an, ist zu beobachten, dass sich vor allem fünf Trends immer stärker durchsetzen: 

Trend 1: Der Klimawandel und Klimaszenarien als Teil des Risikomanagements
Der Klimawandel ist erwiesenermaßen keine Modeerscheinung, sondern eine ernstzunehmende Realität, die Gesellschaft und Wirtschaft betrifft. Für die Weltwirtschaft haben sich die Auswirkungen des Klimawandels – nicht erst seit fridays-for-future – zu einer der größten Gefahren entwickelt. Daher hat die Expertenkommission “Task Force on Climate-related Financial Disclosures” (TCFD) des Finanzstabiltitäsrats der G20 bereits in 2017 Empfehlungen für eine standardisierte Klimaberichterstattung veröffentlicht. Investoren und Unternehmen soll dies ermöglichen, die finanziellen Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Geschäftsmodell zu quantifizieren und ihre Resilienz zu stärken. Der Sustainable Finance-Beirat hat erst kürzlich sogar einen Vorschlag für ein Klimalabel veröffentlicht, das eine “verpflichtende Produktklassifizierung” in Bezug auf die Klimawirkung für alle Finanzprodukte vorsieht1. Auch die derzeitige ESG-Berichterstattung, in der die beiden Themen “Klimawandel” und “Emissionen” die wichtigsten Aspekten sind, untermauern die Bedeutung von Klimarisiken. Und so rücken Klimaszenarien ganz oben auf die Agenden des Risikomanagements von Privatmarktteilnehmern.

Trend 2: Sustainable Finance und ESG als Gebot der Stunde
Der Finanzmarkt übernimmt eine zentrale Rolle, um die Realwirtschaft in eine nachhaltige und dekarbonisierte Transformation zu führen. Dies haben u.a. europäische Entscheider erkannt und mit dem EU-Aktionsplan “Finanzierung Nachhaltigen Wachstums” bzw. “Sustainable Finance” einen Rahmen bzw. Weg für Responsible Investing entwickelt. Mit dem Aktionsplan sollen finanzwirtschaftliche Ansätze und Instrumente wie die Transparenz- und Taxonomie-Verordnung eine nachhaltige und ressourceneffiziente Wirtschaft befördern. Und schon heute müssen Finanzakteure (z.B. Versicherungen und Banken) nach TCFD berichten. Doch auch international hat sich “Sustainable Finance” als Trend etabliert und bezeichnet im Allgemeinen den Einbezug von ökologischen, sozialen und Unternehmensführungsaspekten in die Entscheidungen von Finanzakteuren. Und so hat das öffentliche Interesse und der Druck der LPs – insbesondere der institutionellen Investoren – bei Investitionen ökologische, soziale und Governance-Faktoren (ESG) zu berücksichtigen, stark zugenommen. ESG wird zum Gebot der Stunde in Private Markets, nicht erst seitdem Untersuchungen untermauern, dass die Einbeziehung von ESG-Kriterien eine positive Wirkung auf die Investitionsperformance hat. Und dennoch stehen die privaten Märkte erst am Anfang, was die materielle Einbeziehung von ESG-Faktoren in die Anlage- und Portfoliomanagement-Prozesse und die Entwicklung neuer Produkte, die auf die ESG-getriebene Nachfrage abzielen, betrifft2.

Trend 3: Impact- statt Profitmaximierung als Leitgedanke
In den letzten 5 Jahren – in Zeiten von Niedrigzinsen – verfolgen immer mehr Investoren sensibel, wohin ihr Geld fließt und stellen Nachhaltigkeit stärker in den Fokus ihrer Investitionsentscheidungen. Unter dem Begriff “Impact Investing” – sprich dem wirkungsorientierten Investieren – legen Investoren ihr Geld in ganz bestimmte Industrien, Assets und Projekte an, von denen sie sich eine positive Wirkung auf die Gesellschaft erhoffen und/oder mit denen Lösungen für sozio-ökologische Probleme entwickelt werden. So gibt es z.B. sogenannte Impact Investment Fonds, wo sich sektorenübergreifend private, wirkungsorientierte und staatliche Investoren zusammenschließen. Anspruch des Impact Investings ist es zudem, die Wirkung konkret messbar zu machen und an die Rendite und die Rückzahlung des Investments zu binden.

Trend 4: Das neue Konzept des inklusiven Wachstums
Viele internationale Wirtschaftsexperten, unter ihnen Prof. Dr. André Reichel, rechnen bis 2050 mit Wachstumsraten von unter einem Prozent. Das bedeutet, dass ein Umdenken stattfinden muss: Wer erfolgreich sein will, muss sich vom klassischen Wachstumsparadigma emanzipieren und auf ein inklusives Wachstum setzen, mit dem eine ökonomische und soziale Inklusion von Menschen in wirtschaftspolitische Maßnahmen gestärkt wird. Dies gilt auch für den Finanzmarkt und in ihm für private Märkte, die ebenso vor der Herausforderung  stehen, z.B. externalisierte Kosten in eine neue Wachstumsformel zu überführen. Auf der IPEM 2020, der größten Handelsausstellung für private Märkte in Europa, wundert es daher auch nicht, dass das diesjährige Motto “Shaping a new growth formula” war. Die privaten Märkte sind offensichtlich auf der Suche nach einer neuen Wachstumsformel im Sinne der Nachhaltigkeit.

Trend 5: Der Finanzsektor im digitalen Wandel
Die Digitalisierung geht auch am Finanzsystem nicht spurlos vorbei. Ganz im Gegenteil: Der Finanzsektor befindet sich mitten im digitalen Wandel. Und so denken viele Privatmarkt-Firmen darüber nach, wie sie ihre Investitionsprozesse digitalisieren können. Die größten GPs haben hierbei die Führung am Markt übernommen, insbesondere im Immobiliensektor, wo Investoren auf größere und genauere Datensätze zurückgreifen können. Außerdem ist die Anzahl der technologieorientierten Privatmarkt-Firmen in den vergangen Jahren stark gewachsen. Gleichzeitig sorgt die Digitalisierung dafür, dass es immer mehr crowd- und communitybasierte Möglichkeiten der Finanzierung gibt, sprich Private Equity durch Community. Darunter fallen z.B. sogenannte Crowdfunding-Plattformen, wo Projekte durch Kleinbeträge von Menschen gleichen Interesses finanziert werden. Die Crowd und jeder einzelne in ihr wird so zu einem “Investor”4.

Exkurs: Aufgeräumt mit Mythen rund um Sustainable Finance

Je mehr man sich mit “Sustainable Finance” beschäftigt, desto häufiger begegnen einem Behauptungen, die sich als Wahrheiten im Markt verstetigen. Oft handelt es sich bei diesen Aussagen um Mythen, die sich durch einfache Fakten widerlegen lassen. An dieser Stelle wollen wir mit den fünf gängigsten Mythen rund um “Sustainable Finance” aufräumen:

Mythos Wahrheit
1. Nachhaltige Investments/Assets underperformen im Vergleich zu konventionellen. 90 % der aktuellen Studien beweisen, dass Assets mit einem ausgeprägten ESG-Profil genauso gut, wenn nicht sogar besser, performen (gutes Rendite-Risiko Profil).
2. Nachhaltiges Investieren besteht nur darin, „sündige“ Anlagen auszusortieren. Investmentmanager beziehen zunehmend positive Aspekte der Nachhaltigkeit ein, indem sie ESG-Faktoren in den Investmentprozess integrieren.
3. Nachhaltiges Investieren ist eine vorübergehende Modeerscheinung. Nachhaltiges Investieren gibt es schon seit Jahrzehnten und es nimmt – nicht zuletzt aufgrund zunehmender Regulatorik – weiter an Bedeutung zu.
4. Das Interesse an nachhaltigen Investitionen beschränkt sich meist auf Millennials und Frauen. Es gibt ein weit verbreitetes Interesse an nachhaltigen Investment-Strategien, wobei institutionelle Investoren an der Spitze stehen.
5. Nachhaltiges Investieren funktioniert nur bei Aktien. Nachhaltige Strategien werden über alle Anlageklassen hinweg angeboten.

Eine visuell ansprechende Aufbereitung inkl. der detaillierten Fakten finden Sie unter Visual Capitalist5, die den Mythen-Check durchgeführt haben.

Regulierungen auf dem Vormarsch: EU-Aktionsplan & Co.

Wie in Trend 2 “Sustainable Finance und ESG als Gebot der Stunde” angedeutet, nimmt die Regulierungsdichte für den Finanzmarkt verstärkt zu, die auch Auswirkungen auf die bisher nur bedingt regulierten Private Markets haben wird. Sie haben zum Ziel, Orientierung und Klarheit sowie Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Sustainable Finance zu schaffen. Die folgenden gesetzlichen Entwicklungen sollten Privatmarktteilnehmer im Blick behalten:

  • EU-Aktionsplan “Finanzierung Nachhaltigen Wachstums”
    Der EU-Aktionsplan “Finanzierung Nachhaltigen Wachstums” beinhaltet zwei EU-Regulierungen, die spätestens 2021 in Kraft treten sollen:
    • EU-Transparenz-Verordnung  soll im März 2021 in Kraft treten und sieht vor, dass Finanzmarktakteure über ihren Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken in ihren Investitionsentscheidungen berichten müssen. Dies gilt auch für Finanzberater und ihre Anlage- oder Versicherungsberatung.
    • EU-Taxonomie-Verordnung stellt klare Kriterien zur Klassifizierung von Anlagen auf, um zu definieren, wann eine Anlage als grün bzw. nachhaltig gilt. Zudem verpflichtet sie Anbieter nachhaltiger Finanzprodukte dazu, zu berichten, wie sie die Taxonomie zur Bestimmung der Nachhaltigkeit der zugrunde liegenden Anlagen herangezogen haben, zu welchen EU-Umweltzielen die Investition beiträgt und für welchen Anteil der Anlagen die Taxonomie zulässig ist. Die Verordnung soll für die ersten beiden EU-Umweltziele (“Klimaschutz” und “Anpassung an den Klimawandel”) im Dezember 2020 in Kraft treten und die weiteren vier Umweltziele (“Kreislaufwirtschaft”, “Abfallvermeidung & Recycling”, “Verminderung von Umweltverschmutzung” sowie “nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressource”) jeweils im Dezember 2021. Mehr dazu finden Sie hier.
  • „Green Deal für Europa”
    Der “Green Deal für Europa” der EU-Kommission beinhaltet ein europäisches Klimagesetz und ein Plan für nachhaltige Investitionen. Mehr dazu finden Sie hier.
  • ESMA Strategie für nachhaltige Finanzen & klimabezogene Stresstests 
    Am 6. Februar 2020 hat die Europäische Wertpapieraufsichtsbehörde (ESMA) ihre Strategie für nachhaltige Finanzen veröffentlicht, in der Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt der Aktivitäten gestellt wird. Das Rahmenwerk der ESMA ist breit angelegt und umfasst u.a. Emissionszertifikate, ESG-Ratings von EU-Investmentfonds und sogenannte Klimariskio-Stresstests. Mehr dazu finden Sie hier.
  • Empfehlungen der Network for Greening the Financial System (NGFS)
    Das Network for Greening the Financial System hat 2019 sechs Empfehlungen veröffentlicht, in denen sie u.a. fordern, klimabezogene Risiken in die Aufsicht einzubeziehen und aufsichtliche Erwartungen zu formulieren. Mehr dazu finden Sie hier.

Einen gebündelten Überblick inkl. Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken erhalten Sie im kürzlich veröffentlichten ”Bafin-Merkblatt”.

Neue Strategien und Anforderungen für Private Markets

Am gesamten Finanzmarkt stellt die Betrachtung von Nachhaltigkeitsrisiken neue Anforderungen an die ordnungsgemäße Geschäftsorganisation, an das Risikomanagement und an die Kommunikation von Finanzakteuren: Sie müssen sich strategisch und ganzheitlich mit Nachhaltigkeit befassen und Nachhaltigkeitsrisiken in bekannte Risikoarten (z.B. Marktpreisrisiko, Liquiditätsrisiko und Kreditrisiko/Adressenausfallrisiko) sowie ESG-Risiken übersetzen. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass sie ihre bestehenden Geschäfts- und Risikostrategien überprüfen müssen und in eine konsistente ESG-Strategie überführen müssen. Es wundert daher nicht, dass auf der diesjährigen Handelsausstellung für private Märkte in Europa “IPEM” ESG von diversen führenden Finanzakteuren als neuer Imperativ für Private Markets ausgerufen wurde. 

Auf operativer Ebene verlangen die aktuellen Entwicklungen, dass Finanzakteure sich zunehmend mit Stresstests und Szenarioanalysen beschäftigen. Sie gelten als ein bewährtes Instrument um Unternehmens- und Investitionsrisiken zu bewerten. Vor allem in Anwendung auf den Klimawandel helfen sie dabei, die künftigen Entwicklungen des Klimas zu bewerten. Die französische Bankengruppe und Vermögensverwaltung BNP Paribas gehört zu den führenden Akteuren, die Klimaszenarien bereits in ihrem Risikomanagement integriert.6

Und auch die Anforderungen an die Kommunikation im Kontext von Nachhaltigkeit sind an den privaten Märkten gestiegen: Es gilt komplexe Sachverhalte für alle relevanten Stakeholder transparent und nachvollziehbar zu bewerten und zu kommunizieren. Die kommende EU-Transparenz-Verordnung und eine zunehmende ESG-Berichterstattung wird ihren Beitrag leisten, dass die Kommunikation zu Nachhaltigkeitsrisiken im Finanzmarkt vergleichbarer und effektiver wird.

Investitionsprozess mit der “ESG Management” Lösung digitalisieren

Eine der größte Herausforderung für ein professionelles ESG Management liegt in der Fülle, der Komplexität und Aggregation von ESG-Daten ebenso wie in der Gewährleistung von Datenqualität und – sicherheit. Im Zuge der digitalen Transformationen (siehe: Trend 5) spielen daher zunehmend Softwarelösungen eine zentrale Rolle, um dieser Datenherausforderung Herr zu werden. Im Rahmen der globalen ESG-Befragung 2019 von BNP PARIBAS7 nannten die befragten institutionellen Investoren und Asset Manager die folgenden Anwendungsbereiche für digitale Lösungen im Kontext der Professionalisierung von ESG Managementprozessen:

  • Aggregation/Analyse von ESG-Daten
  • ESG-Berichterstattung auf allen Ebenen (Unternehmen, Portfolio und Fonds)
  • Erhöhte Detailtiefe und Aussagekraft von ESG- spezifischen Daten für Research
  • Erstellung und Nachverfolgen eines ESG-Index
  • Erstellung von Unternehmensprofilen
  • Schaffung von neuen, auf Nachhaltigkeitsgrundsatz basierenden Produkten

Die “ESG Management” Lösung von WeSustain – eine Software für das professionelle ESG Management im gesamten Investment-Lifecycle von Privatmarktanlagen bzw. Alternativen Investments – hat sich diesen Anforderungen angenommen. Sie unterstützt vor allem Portfolio-, Asset- und Risk-Manager, die ESG-relevante Daten berichten und ESG-Risiken managen müssen. Zudem findet die Lösung Anwendung bei Investoren, die auf Basis von ESG-Kriterien Investitionsentscheidungen treffen wollen. Neben dem zentralen Steuern von relevanten Workflows, können Softwarenutzer ESG-Daten sicher erheben, auswerten und berichten. Mit dem Datenmanagement-Ansatz der “ESG Management” Lösung gelangen Anwender zu einer erhöhten Tiefe und Aussagekraft für das ESG Management. Als kollaborative IT-Infrastruktur entwickelt, können Softwarenutzer sich einfach und transparent vernetzen und über gängige Schnittstellen im Unternehmen bestehende ESG-Tools einbinden. 

Eine bewegte Dekade kündigt sich an

Dieser Trendbeitrag wirft einen Blick auf die Zukunft von Private Markets und zeigt, welche Trends die privaten Märkte in der neuen Dekade umtreiben werden. Klar ist geworden, Nachhaltigkeit hat Einzug in die Geschäftsmodelle und -strategien von privaten Marktakteuren gehalten und wird es durch den Marktdruck und kommende Regulierungen auch weiter tun. Es wird auf lange Sicht kein Weg mehr an Sustainable Finance herum führen.

ESG ist zum Gebot der Stunde bzw. zum Imperativ für Private Markets geworden, um eine neue Wachstumsformel an den privaten Märkten in Zeiten des Klimawandels und globaler Nachhaltigkeitsziele (kurz: SDGs) umzusetzen. Dabei gilt es nicht nur eine konsistente ESG-Strategie zu implementieren, sondern auch die eigene Geschäftsorganisation dahingehend zu transformieren. Dazu gehört u.a. das Thema “Vielfalt und Inklusion”, denn bisher sind nur 20% der Arbeitnehmer in Privatmarkt-Firmen Frauen. Außerdem gilt es das Potenzial der digitalen Technik auszuschöpfen und das Tempo ihrer Entwicklung weiter anzuziehen. Dazu müssen die privaten Märkte digitale Expertise aufbauen und zunehmend digitale Tools in den Investitionsprozess integrieren. Algorithmen und Machine Learning werden schließlich ihren ganz eigenen Beitrag leisten, um die Quantität und Qualität von relevanten Daten zu optimieren.

Man kann erahnen: Wir haben eine bewegte Dekade für Private Markets vor uns. 

Hinweis:
Erfahren Sie mehr zur ESG Management Lösung von WeSustain und erleben Sie in einer individuellen Demo die Funktionalitäten für Ihre ESG Compliance.

Mehr zur Demo-Version

1 Vgl Rat für nachhaltige Entwicklung (2020): “Sustainable Finance-Beirat will Klimalabel für den gesamten Finanzmarkt” LINK, abgerufen am 15.03.2020.
2 McKeansey & Company, “A new decade for private markets – McKinsey Global Private Markets Review 2020”, LINK, abgerufen am 13.03.2020.
3 McKeansey & Company, “A new decade for private markets – McKinsey Global Private Markets Review 2020”, LINK, abgerufen am 13.03.2020.
4 Vgl. Zukunftsinstittut: LINK, abgerufen am 11.03.2020.
5 Vgl. Visual Capitalist: LINK, abgerufen am 11.03.2020.
6 Vgl. LINK, abgerufen am 11.03.2020.
 7 Vgl. BNP PARIBAS: “Die globale ESG Befragung 2019 – Institutionelle Investoren und Asset Manager legen ihre Strategien zur ESG-Integration fest”, S. 29,  LINK, abgerufen am 18.10.2019.

13 Nov 2019

Im Interview mit Stefan Kempf, Mitglied der Geschäftsleitung der SGS-TÜV Saar GmbH, und Manfred Heil, Geschäftsführer bei WeSustain, sprechen wir über die wachsende Managementherausforderung “Compliance” und wie das Zusammenspiel von Software und Beratung bei Unternehmen punktet.

(…) Was sind Ihrer Erfahrung nach, Herr Kempf, die zentralen Herausforderungen und Chancen für Industrieunternehmen im Rahmen der Betreiberverantwortung? 

Eine der zentralen Herausforderungen im Zusammenhang eines rechtskonformen Betriebes ist sicherlich die möglichst lückenlose Erfassung, Abbildung und dauerhafte Erfüllung der Betreiberpflichten. Dafür bedarf es einer umfassenden Fachexpertise, einer geeigneten Struktur zur Darstellung der Anlagen und Prozesse sowie einer sinnvollen Zuordnung der Verantwortlichkeiten zur Umsetzung der festgelegten Maßnahmen. Dies bedarf ein hohes Maß an Selbstdisziplin bei allen beteiligten Personen. Eine konsequente Umsetzung der Betreiberverantwortung bietet jedoch entsprechende Vorteile, wie etwa die Tatsache, dass Geschäfts- und Haftungsrisiken für die verantwortlichen Personen minimiert oder Planungssicherheit durch rechtzeitige Budgetierung der Maßnahmen gewährleistet werden. Optimierte Strukturen ermöglichen schlanke Prozesse und effiziente Abläufe, was sich wiederum direkt auf die Kosten positiv auswirkt und einen Wettbewerbsvorteil ermöglicht.

 

Herr Heil, welche der von Herrn Kempf genannten Herausforderungen löst WeSustain mit der neuen “Enterprise Compliance Management” Software? 

Wie Herr Kempf schon erwähnt hat, ist die Komplexität und der Umfang der Betreiberverantwortung in den letzten Jahren förmlich explodiert. Es ist absehbar, dass sich diese Entwicklung fortsetzt, sodass ein Compliance Management, das die gestiegenen Anforderungen nicht bewältigt, zu einem eigenen Risikofaktor werden kann. Insofern ist eine Software-Unterstützung nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch unter Haftungs- und Risikogesichtspunkten unverzichtlich. Der größte Vorteil der “Enterprise Compliance Management” Software von WeSustain (kurz: ECM) liegt in der durchgängigen Integration von Content, Prozessen und Daten. (…).

(…)